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Ach, Mann!

NEON Magazin, Nov. 2008

Herr Koch, lassen Sie uns über Männer reden. Kürzlich sass ich in der Straßenbahn und hörte eine Dame sagen: "Ach, wären uns doch bessere Söhne aus dem Schoß gekrochen."

Wahnsinn! Wie alt war diese Frau?

Etwa achtzig.

Also aus der Kriegsgeneration. Dieses Altdeutsche, irre. Ich finde es bezeichnend, dass so eine harte Aussage aus dieser Generation kommt, das sagt ja keine 30-jährige. Das Männerbild heute ist ja... um Himmels willen, ich warte lieber Ihre Fragen ab.

Sie sind ohne Vater aufgewachsen. Wer hat Ihr Männerbild geprägt?

Niemand Bestimmtes. Freunde, Onkels. Ich hatte aber eine starke Vorstellung von meinem Vater im Kopf. Das ist nicht gut, denn alles, was in der Fantasie stattfindet, wird in so einem Fall sofort mit Sehnsucht gekoppelt.

Konnte Ihre Mutter da helfen?

Nein. Wenn jemand weggeht, bleibt nur Sehnsucht. Das ist eine biografische Konstellation, die ich nicht ändern kann. Ich bin aber im Frieden mit meinem Vater. Der Schmerz des kleinen Jungen wird aber nie verschwinden. Mit dem muss ich leben.

Der kleine Junge lebte eine Weile in einem Kinderheim. War das traurig?

Nein, das war toll! Kinder brauchen Kinder. Das sieht man doch heute in diesen - wie heißt das noch? - Kleinfamilien. Wenn beide den ganzen Tag weg sind, das ist die bescheuertste Konstellation. Ich hatte ja das Glück, dass meine Mitter in diesem Heim gearbeitet hat. Sie war immer da, und ich hatte hunderte Geschwister.

"Männer werden als Kind schon auf Mann geeicht." Hat Herbert Grönemeyer Recht?

Das war mal so. Heute müssen Männer nicht mehr so hart sein, aber haben's trotzdem schwer. Wenn sich Elternpaare trennen, dann bleiben die Kinder meist bei der Mutter. Ich habe oft mitgekriegt, dass diese Männer dann zusammensitzen und die Schuld für das Scheitern ihrer Beziehung ausschließlich bei den Männern suchen. Texte wie "Ich habe jetzt die Scheiße am Hals wegen dieses Arschlochs" nehmen Kinder leider sehr genau auf.

Was hat das für Folgen?

Erstens: Ich übertreibe bewusst. Zweitens: In meiner Generation war ein uneheliches Kind eine Sensation. Gott sei Dank hat sich da viel geändert. Nur muss man dem auch Rechnung tragen. Wenn ein Kind da ist, läuft alles über Kommunikation. Blöderweise trennt man sich aber meistens, weil man nicht miteinander reden kann, muss nun jedoch erst recht sprechen - wegen des Kindes. Das fordert Sorgfalt. Mein Wunsch ist: Redet miteinander. Denn wenn ihr es nicht tut, dann wird das Männerbild dieser Kinder in eine ehct merkwürdige Richtung gehen.

Sie leben ebenfalls getrennt von der Mutter ihrer Tochter.

Aber ich pflege eine enge Bindung mit Paulina. Ich verbringe viel Zeit mit ihr. Und sie guckt mich an!

Können Sie Plätzchen backen?

Natürlich kann ich Plätzchen backen.

Und am nächsten Tag problemlos Andreas Baader oder den Seewolf spielen?

Das ist meine Arbeit, aber man muss schon auf ein anderes, ein archaisches Energielevel schalten.

Beim Seewolf-Dreh soll allen schlecht geworden sein - nur Ihnen nicht.

Das stimmt.

Hatten Sie ein Pflaster hinterm Ohr?

Nein, das hat was mit Konditionierung zu tun. Es wäre total peinlich gewesen, wenn ich rumkotze.

Tschaka! Ich werde nicht reihern?

Genau.

Dann erzählt Rainhard Fendrich Mist, wenn er sagt "Macho Macho kannst ned lernen"?

"Macho" kommt ja von "Macht".

Blödsinn.

Natürlich. Aber ein Macho strahlt aus, dass es über ihm nichts geben darf. Damit habe ich Probleme. Das ist mir fremd.

Sie haben Andreas Baader gespielt, Speer und Stauffenberg.

Machtmenschen, stimmt. Gespielt, stimmt.

Was haben die gemeinsam?

Sie scheinen unabhängig zu sein. Das wirkt enorm anziehend auf Frauen. Einen Macho will man bekehren. Will ihm zeigen, dass es auch die Liebe und das Sanfte auf der Welt gibt.

Die Geschichten zweier Männer, die Sie bereits gespielt haben, wurden gerade mit Millionenaufwand neu verfilmt. Die von RAF-Chef Baader und die von Hilter- Attentäter Stauffenberg. Haben sich eigentlich Moritz Bleibtreu oder Tom Cruise mal bei Ihnen gemeldet?

Moritz Bleibtreu nicht, Tom Cruise schon. Er hat viele meiner Filme gesehen und wollte über meine Erfahrungen in Sachen Stauffenberg sprechen. Fand ich in Ordnung.

Wen würden Sie gerne mal um Rat fragen?

Würde er noch leben: Marcello Mastroianni. Ein wunderbarer Mann. Der hatte dieses Männliche und gleichzeitig eine hohe Sensibilität in sich. Heute findest du entweder Haudegen oder Weicheier, eine Mischung kaum.

Kommt ein Kollege nach, den Sie richtig gut finden?

Ich mag August Diehl sehr, Misel Maticevic, Ludwig Trepte, Frank Giering. Die machen keine blöde Show. Und wenn eine Kamera läuft, sind sie trotzdem noch da. Sie verstecken sich nicht.

Männer klüngeln gerne. "Vetternwirtschaft" heisst das dann. Haben Sie ein Talent dafür?

Ich bin nicht so ein Netzwerker.

Sie drehen manchmal für ganz stark reduzierte Gagen.

Ja, auch jetzt - "In jeder Sekunde". Das ist ein toller Film über die Suche nach dem Glück. Der gehört ins Kino. Deswegen habe ich den Filmemachern gesagt, dass ich dabei bin. Auch, um solch ein Projekt mitanzuschieben. Vielleicht kriegt der Film ja seine Chance. Verdient hat er sie.

Idealismus soll sich schon auch lohnen?

Tut er sowieso. Ich will nur noch Sachen machen, die ich toll finde, weil es mir dann besser geht.

Wann haben Sie gemerkt, dass sie auf der Seite der Idealisten stehen?

Immer schon. War nie anders. Ich habe es mir bewahrt, das ist wohl der Punkt. Ich habe in meinem Leben vielleicht drei, vier Sachen für Geld gemacht.

Ist "Rennschwein Rudi Rüssel 2" einer dieser Filme, bei dem man sich sagt, naja, meine Tochter will ja mal studieren...

Nee, nee, nee! Gerade bei Kinderfilmen finde ich enorm wichtig, dass sie geistreich sind. Falls sie ein Kind haben, schaue Sie sich "Rudi Rüssel" an. Ist wirklich witzig.

Wie kann man Sie aufheitern?

Mit Dauerwitzen. Irgenwann muss ich dann lachen. Ist die einzige Chance bei mir.

Und können Sie Leute gut aufheitern?

Wenn ich gut drauf bin, auf jeden Fall. Ich kann Leute aber auch ganz schön runterziehen. Ich glaube, ich bin ansteckend.

Sind Sie ein Spieler?

Poker. Da guckt man sich in die Augen und reisst jemand anderen mit in den Abgrund - wie die Jungs an der Börse.

Werden all die Investmentzocker jetzt Hausmänner?

Die sind mir völlig egal.

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: "Männer, die sich eine Yacht kaufen,..."

"...sollten Pornos drehen."

Wieso das denn?

Für was anderes als einen Pornodreh taugen Motoryachten nicht. Mit guten Freunden auf einem Segelboot - das ist ganz was anderes.

Wie lange kennen Sie Ihren besten Freund?

Seit dreißig Jahren.

Haben Sie einen Bruch hinter sich?

Nein, ein richtiger Bruch lässt sich nicht flicken, weil es wahnsinnig schwer ist, Vertrauen wiederherzustellen. Ich brauche Freunde, auf die ich mich bedingungslos verlassen kann.

War Ulrich Mühe, mit dem Sie "Das Leben der Anderen" gedreht haben, ein Freund?

Er war ein sehr guter Kollege, den ich sehr respektiert habe. Aber wir kannten uns gar nicht so gut.

Hatte er Ihnen bei den Oscars verraten, wie schlecht es um ihn stand?

Selbst, wenn man ihn nur ein wenig kannte, hat man es gemerkt.

Sie saßen bei der Preisverleihung neben Faye Dunaway. Hat sich alles gelohnt für diesen Moment?

Genau deswegen bin ich Schauspieler geworden. Nein. Es war toll, dort zu sitzen. Der Auslandsoscar feierte 50. Jubiläum, in einem Trailer wurden Bergmann und Fellini geehrt, und dann gewinnen wir den Oscar.

Und was war jetzt mit Faye Dunaway?

Das Tollste war, asl mit jemand fragte, ob sie meine Freundin sei. Die ist ja so gestrafft, dass sie auf den ersten Blick als 24 durchgeht. Leider nur auf den ersten. Ich rede mich um Kopf und Kragen...Also, ich finde Faye Dunaway spitze. Neben ihr zu sitzen war das Grösste.

Sie haben auch mit Catherine Deneuve gedreht.

Eine fantastische Schauspielerin.

Ach, Herr Koch.

Nein, das meine ich ernst. Es gibt Weltstars, bei denen Schönheit und Talent nicht deckungsgleich sind. Aber...ach, Mann, das glaubt mir doch keiner. Also, super Frau.

Geht doch

Aber man merkt auch, dass sie das ihr ganzes Leben lang gesagt bekommen hat.

Sind Sie kompromissloser gewirden mit dem Alter?

Ich bin genauer geworden. Sehr zum Leidwesen meiner Mitmenschen. Vor allem bei der Rollenwahl lasse ich mir viel zeit. Wenn jemand gleich „Ja“ oder „Nein“ hören will, lehne ich meistens sofort ab. Egal wer das Angebot macht.

Haben Sie einem Regisseur mal so richtig vor den Karren geschissen?

Was heißt das?

Hinwerfen, rumschreien

Das Wort "Nein" ist die einzige Waffe des Schauspielers. Falls Sie das meinen.

Eher: "Nein, du Arschloch."

Das bringt doch keinem was. Ich versuche lieber im Vorfeld gut zu verhandeln. Bei "Speer und Er" zum Beispiel wollte ich vier Maskenproben. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen bezahlen sie aber ungern 4 Flüge. Als lehnte ich die Rolle zunächst ab.

Ah, Poker.

Alles auf eine Karte. Manche Leute muss man zu guter Vorbereitung zwingen. Andere bringen sie mit: Florian Henckel von Donnersmarck bei "Das Leben der Anderen" oder jetzt Jan Fehse für "In jeder Sekunde". Das sind Profis. Trotz ihres jungen Alters.

Ein alter Profi ist Dieter Bohlen. Der sagte vor kurzem, das Einzige, was ihn am Altern störe, sei die Entwicklung seiner Morgenlatte.

Hoho

Ich will sie nicht nötigen, etwas zum Phänomen Morgenlatte im Alter zu sagen - aber bei diesem Stumpfsinn wird man doch aggressiv. haben Sie schon mal jemanden verprügelt?

Komischerweise nicht. Neulich stand ich bei der Produktion mal kurz davor. Ich würde mich auch nicht scheuen, es zu tun. Aber Bohlen....

... würden sie verschonen?

Das "Prinzip Bohlen" erzählt doch nichts über ihn selbst, sondern über unsere Gesellschaft. Bohlen ist ein cleverer Mann, der sich auf einem armseligen Niveau angesiedelt hat und dort Riesenerfolg hat. Dass diese Strategie hinhaut, das ist schon sehr deutsch.

Alte Männer haben nicht mehr zu verlieren. Wie fanden Sie es, dass Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis nicht angenommen hat?

Das kann ich gut verstehen. Fragen Sie mal Kollegen, wie sie den Abend der Verleihung fanden - ohne Kamera.

Aber da hat man schon viele beleidigte Gesichter gesehen.

Weil alle wissen, wie sie gucken müssen, wenn sie im Bild sind. Ich jedenfalls kann im Fernsehen Satire kaum noch von Ernstgemeintem unterscheiden. Und das ist jetzt kein Witz. Vielleicht musste dem Fernsehen einfach mal jemand ... wie nannten Sie das?

.... vor den Karren scheißen?

Ach, ja.

Sie sind ins Kino abgewandert. Wenn das noch mehr Leute machen, dann dreht Reich-Ranicki doch durch.

Es wird wieder Perlen im Fernsehen geben, aber das Kino hat seine Kraft wiedergefunden. Das sah man bei "Das Leben der Anderen", das sieht man jetzt bei "In jeder Sekunde". Da zählt jedes Bild. Da geht es um was. Das finde ich schön.

Es geht um die Suche nach Glück, um Trauer und Verlust. Alles Dinge, die bei Männern mit dem Alter kommen.

Wieso mit dem Alter? Das glaube ich ja überhaupt nicht. Jeder akzeptiert, dass es Tag und Nacht wird. Die sind eins - genauso wie Glück und Leid. In jeder Sekunde kann es dir das Leben um die Ohren hauen.

Wissen das Frauen besser als Männer?

Sie neigen zumindest nicht so sehr dazu, inflationäres Glücklichsein zu verfolgen. Das ist nämlich vollkommen albern.

Weil es zur Blase wird - zur individuellen Finanzkrise?

Genau, gleiches Prinzip. Mein Wunsch ist, dass Leute das früh im Leben kapiere. Darum habe ich diesen Film gemacht. Als junger Mann denkst du höchstens daran, was passiert wenn ein Auto über dich selbst drüberfährt. Aber was ist, wenn ein Auto dein Kind überfährt? Deine Liebste? Man muss lernen, es als Teil des Lebens zu begreifen, dass es das Helle nicht ohne das Dunkle geben kann.


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