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Können Sie Untreue verzeihen, Herr Koch?

bild.de, 8.2.2009, Interview: Dona Kujacinski, Foto: Oliver Mark

Für seine Rollen als Richard Oetker und als Klaus Mann erhielt Sebastian Koch (46) den Grimme-Preis. Er beeindruckte als Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, als Nazi-Architekt Albert Speer und als Schriftsteller Georg Dreyman in dem oscargekrönten Film „Das Leben der Anderen“.

Privat lebt Koch sehr zurückgezogen, liebt seit drei Jahren die Schauspielerin Carice van Houten (31), die gerade an der Seite von Tom Cruise in „Walküre“ zu sehen ist. Es ist eine Liebe auf Distanz, er lebt in Berlin, sie in Holland.
Am 12. Februar läuft nun im Kino „Effi Briest“ an. Es ist die fünfte Verfilmung des großen Liebesdramas von Theodor Fontane. Die Rolle der Effi von Briest hat Julia Jentsch; Sebastian Koch spielt ihren knapp zwanzig Jahre älteren Ehemann, Baron von Innstetten, den die temperamentvolle, freiheitsliebende Effi auf Wunsch der Eltern heiratet.
Der Vernunftehe folgt ein graues Leben fernab der Heimat, ohne Liebe, ohne Leidenschaft, ohne Geborgenheit. Als Effi den Major von Crampas kennenlernt, erfährt sie endlich, was Liebe bedeutet. Doch der Preis ist grausam hoch: Für den Major endet die Affäre tödlich. Effi wird anders als bei Theodor Fontane enden.

BILD am SONNTAG: Die Hochzeitsnacht von Effi und Baron Innstetten erinnert an eine Vergewaltigung.

SK: Das kommt uns heute so vor, da die Sexualität in der damaligen Zeit ein Tabuthema war. Kaum einer wusste etwas darüber, geschweige denn etwas über Verführung oder Erotik. Hinzu kam, dass es sich nicht gehörte, über diese Dinge zu sprechen. Nicht einmal im Ehebett. Verpönt war es, sich nackt zu zeigen. In den Nachthemden unserer Urgroßeltern befanden sich im Genitalbereich Schlitze. Freidenker wie Effi Briest und ihr Liebhaber Major von Crampas, der sie in einem Haus in den Dünen am Ostseestrand verführt, stellten die Ausnahme dar. Solche Lieben durften nur im Verborgenen blühen.

BILD am SONNTAG: Halten Sie die sexuelle Freiheit von heute für besser?

SK: Ich glaube nicht, dass die Freizügigkeit in den Medien mit der Freizügigkeit im Leben übereinstimmt. Wenn zwei Menschen sich berühren, ist das immer etwas Besonderes. Sexuelle Freiheit fängt im Denken an, ist etwas Geistiges. Die Sexualität ist ein sehr intimer Vorgang, den man nicht nur sehr ernst nehmen, sondern auch ganz bewusst erleben sollte. Man muss nicht gleich auf jeden draufspringen.

BILD am SONNTAG: Kann die Liebe böse machen?

SK: Nein, Liebe kann nur heilen.

BILD am SONNTAG: Der Baron ist ein Karrieresüchtiger, der seine Gefühle nur schwer zeigen kann. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

SK: Mein Ziel war es, ihn nicht nur als angsteinflößenden, von Ehrgeiz zerfressenen Karrieremenschen darzustellen, der über den Beruf sein Privatleben und seine Familie ignoriert. Natürlich ist Politik sein Leben. Natürlich will er nach oben kommen und Dinge verändern. Und natürlich brauchte er eine Frau, um Ministerialrat zu werden. Das ging in dieser Zeit nicht anders. Wenn diese Frau dazu auch noch bildschön und aus gutem Hause war, nannte man das eine gute Partie. Trotz alledem glaube ich, dass er es in seinen Möglichkeiten gut meinte, und Effi auf seine Weise mehr und mehr liebte. Gefühle zu zeigen war zu dieser Zeit verboten, es schickte sich nicht.

BILD am SONNTAG: Können Sie Gefühle zeigen?

SK: Ich bin mit meiner Mutter aufgewachsen. Ohne Vater. Klar, dass da die emotionale Seite mehr im Vordergrund steht.

BILD am SONNTAG: Ist die Liebe im Leben eines Menschen das Wichtigste?

SK: Ich denke, die Liebe ist das Allerwichtigste. Und sie ist vermutlich das Einzige, was uns bleibt. Sie überdauert alles. Ohne Liebe kann man nicht leben. Um einen Menschen wirklich zu lieben, muss man sich selbst lieben können.

BILD am SONNTAG: Lieben Sie sich?

SK: Ich finde es schwer. Es ist ein permanentes Versuchen. Ich habe mir gegenüber einen sehr hohen Anspruch. Privat und beruflich. Obwohl es mich manchmal ein bisschen beengt, dem Anspruch immer wieder gerecht zu werden, lerne ich nach und nach damit zu leben.

BILD am SONNTAG: Schränkt dieser Anspruch die Freiheit eines Menschen ein?

SK: In gewisser Hinsicht vielleicht. Aber wenn man nicht lockerlässt, kann er auch direkt dorthin führen. Ich bin ein freiheitsliebender Mann, brauche die Freiheit unbedingt. Würde sie mir jemand nehmen – ich würde gehen.

BILD am SONNTAG: Weil dadurch das eigene Ich beschädigt wird?

SK: Freiheit ist für mich nach der Liebe das höchste Gut. Auch in einer Beziehung.

BILD am SONNTAG: Sie sind seit drei Jahren mit Carice van Houten zusammen. Was ist das Besondere an ihr?

SK: Das Wunderbare an Carice ist, dass sie ganz im Hier und Jetzt lebt. Das genieße ich nicht nur sehr, das finde ich auch sehr beeindruckend, da sie sich dadurch eine große Unschuld und Direktheit bewahrt hat. Das ist äußerst selten. Carice ist einfach da.

BILD am SONNTAG: Worin unterscheiden Sie sich?

SK: Ich bin sicher mehr der planende Teil. Sie ist viel spontaner. Dieser Unterschied stellt sich für mich jedoch nicht als Nachteil dar. Eher als Ergänzung. Der eine kann vom anderen lernen.

BILD am SONNTAG: Müssen Sie eifersüchtig sein?

SK: Ich bin sicher mehr der planende Teil. Sie ist viel spontaner. Dieser Unterschied stellt sich für mich jedoch nicht als Nachteil dar. Eher als Ergänzung. Der eine kann vom anderen lernen.

BILD am SONNTAG: Müssen Sie eifersüchtig sein?

SK: Ich weiß, wenn mich jemand liebt. Also muss ich nicht eifersüchtig sein.

BILD am SONNTAG: Haben Sie je daran gedacht zu heiraten?

SK: Es hat sich noch nicht ergeben.

BILD am SONNTAG: Ist die Ehe für Sie wichtig?

SK: Wenn sie wichtig wäre, wäre ich verheiratet, was nicht bedeutet, dass ich ein Ehegegner bin. Was Carice und mich angeht, kann ich nur sagen, dass wir beide dafür im Moment viel zu beschäftigt sind.

BILD am SONNTAG: In „Effi Briest“ erschießt der Baron den ehemaligen Liebhaber seiner Frau bei einem Duell. Das Motiv: Die Rettung seiner verletzten Ehre.

SK: In meiner Jugend war das Ehrenwort noch etwas durchaus Gebräuchliches. Heute hört man dieses Wort selten. Das finde ich einerseits schade, da es etwas mit Zuverlässigkeit zu tun hat. Andererseits hat das Ehrenwort jedoch auch etwas Borniertes und Borniertheit mag ich nicht. Auf jeden Fall ist es gut, dass die Ehrenrettung bei uns heute nicht mehr automatisch mit einem Leben bezahlt wird.

BILD am SONNTAG: Welche Werte sind für Sie unerlässlich?

SK: Die Würde ist für mich etwas ganz Wichtiges, etwas ganz Besonderes. Um sie zu bewahren, lohnt jeder Einsatz. Wie die Zuverlässigkeit. Viele Menschen halten allein das Wort schon für altmodisch. Ich mag mich gern auf jemand verlassen, da zuverlässige Menschen in der Regel auch ehrlich und integer sind. Ich selbst bemühe mich, all das zu sein und prüfe deshalb sehr genau, ob ich etwas machen will oder nicht. Ist es ein Ja, würde bei mir noch der Handschlag gelten.

BILD am SONNTAG: In diesem Punkt sind Sie eine Rarität, Herr Koch.

SK: Möglich. Aber warum sollte man Dinge nicht bewahren, die wirklich wichtig sind? Ich glaube, wenn die Menschen weiter so tun, als ob sie gar nichts miteinander zu tun haben, wird das irgendwann ein ganz böses Ende nehmen. Wir sollten endlich begreifen, dass wir alle miteinander verbunden sind, in einem gleichwertigen Leben. Man muss sich auch mal zurücknehmen können.

BILD am SONNTAG: Könnten Sie eine Untreue Ihrer Frau verzeihen?

SK: Ich weiß es nicht, da es noch nie so weit war. Ich weiß nur, dass ich keine Angst davor habe. Ich würde mich mit der Situation auseinandersetzen. Wahnsinnige Wut verändert nichts.

BILD am SONNTAG: In einer Liebesszene sagt Major Crampas zu Effi: „Denk nicht so viel nach, sonst geht der Spaß verloren.“

SK: Da ist etwas dran. Das ist ein wahrer Satz. Zu viel Denken hemmt jede Spontaneität.

BILD am SONNTAG: Sind Sie ein sinnlicher Mann?

SK: Ich denke schon.

BILD am SONNTAG: Dann lieben Sie auch die Verführung.

SK: Es ist schön zu verführen, als auch verführt zu werden. Ich lasse mich gern verführen. In jeder Hinsicht.


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