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Ein Mann für große Rollen

WESTFALEN-BLATT, 25./26.4. 2015, Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa, Text: Ingo Steinsdörfer

Zu viele gibt's nicht von ihnen: Sebastian Koch gehört zum Kreis deutscher Schauspieler, die eine Hauptrolle in einem mit dem "Oscar" gekrönten Film – Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" – vorweisen können. Das muss man nicht überbewerten, denn ein Film ist ein Gemeinschaftswerk, und viele tragen dazu bei, wenn er zum Meisterwerk wird. Mit Sebastian Koch im Cast stehen die Chancen für Preise allerdings schon statistisch nicht schlecht.

Er war Albert Speer, Richard Oetker, Stauffenberg, Claus Mann, Andreas Baader und "Der Seewolf". Und wen auch immer er spielt: Er bleibt damit im Gedächtnis. Seine Filmographie ist entnervend lang, die der Auszeichnungen – von deutschen Fernsehpreisen über Bambi und zweimal Grimme über den italienischen Globo d'Oro als bester europäischer Schauspieler bis hin eben zum Hollywood-Oscar – geradezu furchteinflößend. Er spielte mit Bruce Willis ("Stirb langsam 5") Catherine Deneuve, Tom Hanks, Eva Green, Liam Neeson. Derzeit dreht er mit dem Regisseur Tom Hooper (Oscar für "The King's Speech") in London "The Danish Girl". Seine Karriere läuft – im Ausland wie daheim.

Sebastian Koch (52) ist ein gefragter Mann, ein echter Star unter den deutschen Filmschauspielern. Für ein Telefon-Interview im Vorfeld eines Auftritts, der vermutlich eine Randnote in seiner Vita bleiben wird, nimmt sich der Mann, der wenig Freizeit hat, gleichwohl eine Menge Zeit – und das noch am Karfreitag. Denn dieser Auftritt liegt ihm offenbar nicht minder am Herzen als großes Kino. Lesungen bringen ihm den unmittelbaren Kontakt zum Publikum, den er wegen seines Fulltime-Jobs beim Film auf der Bühne nicht mehr hat. "Ich liebe das, dafür bin ich ja Schauspieler geworden", sagt der Stuttgarter, der längst zum Berliner geworden ist. Und auch nach Bielefeld kommt er gern. Seitdem er 2001 im Sat.1-Drama "Der Tanz mit dem Teufel" das junge Entführungsopfer Richard Oetker spielte, verbindet ihn etwas mit der Stadt. "Wir haben ein ganz inniges Verhältnis, sehen uns regelmäßig, erzählen uns unsere Geschichten", berichtet Koch über die Freundschaft zum heutigen Konzernlenker Richard Oetker (64).

Koch, der beim Dreh 38 Jahre alt war und den bei der Entführung im Jahr 1976 25-jährigen Studenten Oetker spielte, erinnert sich: "Bevor die Arbeit am Film begann, war es für mich wichtig, Richard Oetker kennenzulernen. "Spielen Sie das, wie Sie wollen", sei der erste Satz des prominenten Bielefelders gewesen. Koch: "Mir war wichtig, dass er mir das ›Go" gab. Bewundernswert, welch großen Raum er mir gegeben hat."

"Koch liest Heuss" – so heißt das Programm, mit dem der Schauspieler jetzt am Muttertag (10. Mai) im Bielefelder Stadttheater gastiert. Schlicht wie der Titel, ohne Schnickschnack, wird auch der Auftritt sein. "Ein Rednerpult für die Reden, ein Sessel für die Briefe an Freunde und seine Frau Elly", sagt Koch, mehr bedürfe es nicht, in eine ganz und gar andere Welt einzutreten: In das Nachkriegsdeutschland, die junge Demokratie, zu deren Aufbau Heuss maßgeblich beitrug.

Wie kommt ein 1962 Geborener dazu, sich in die Rolle eines 1963 gestorbenen Politikers einzulesen? "Heuss war Schwabe, ich bin Schwabe, der ist mir immer präsenter gewesen, als das vielleicht bei den Menschen in Norddeutschland der Fall war." Doch gleichwohl haderte Koch zunächst damit, als er angefragt wurde, den badenwürttembergischen Festakt zum 125. Heuss-Geburtstag 2009 im Stuttgarter Neuen Schloss um eine 20 minütige Lesung aus Heuss-Reden zu bereichern.

"Na ja, mein Gott", war der erste Gedanke, "eigentlich nicht, aber schickt mal die Texte", erzählt Koch. "Ich hatte ihn eben auch als ›Papa Heuss‹ im Kopf, gemütlich, fast langweilig, ein Gläschen Rotwein, eine Zigarre, ein Alt-Politiker – und literarisch wertvoll schon gar nicht." Diese Meinung revidierte sich schnell: Regelrecht "elektrisiert " sei er gewesen von dem, was er da entdeckte. "Faszinierend, verdichtete Literatur in den Briefen, kluge Reden, geprägt von einer großen demokratischen Grundhaltung. Eine Kraft, eine Wucht, wie sie in der heutigen Politik kaum mehr zu erleben ist."

Entsprechend groß empfand er die Wirkung damals im Neuen Schloss. Koch: "Es war eine der üblichen Großveranstaltungen. Viele Grußworte – alle im protokollarischen Tiefschlaf. "Und dann, mit den Worten aus Heuss' Feder, begann der Raum wieder aufzuwachen. "Ja, es ging wirklich ein Ruck durch den Saal!"

Für Sebastian Koch war das der Anstoß, gemeinsam mit seinem früheren Lehrer aus der Falckenberg Schauspielschule, Gert Pfafferodt, ein Programm aus Heuss-Texten zu entwickeln. "So entstand dieser Abend, der immer abgewandelt, immer weiterentwickelt wird. Eine Auswahl der Briefe und Reden. "Das wirke wie eine Zeitmaschine, sagt Koch. "Da sind nur der Redner, das Publikum, der Raum, und man vergisst 2015, ist plötzlich im Jahr 1949." Die Rede, die Heuss 1952 bei der Einweihung der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen gehalten hat, sei so berührend, dass vielen Menschen Tränen in die Augen treten. "Das spricht auch jüngere Leute an, und es ist eine Sehnsucht von mir, dass Politiker wieder so sprechen, wie ›Papa Heuss‹, so liebevoll, aber mit Klarheit und Haltung."

Ob in Lesungen, auf der Bühne oder im Film: Sebastian Koch hat die Gabe, sich so einzubringen in die Person, dass er ganz und gar darin aufgeht. "Nun ja, das ist mein Beruf als Schauspieler", wiegelt er fast schon genervt ab. Wahrhaftige Menschen in außergewöhnlichen Situationen wahrhaftig rüberzubringen, ist gleichwohl seine Spezialität. Und das ist der Branche nicht verborgen geblieben. "Ich habe das Glück, immer wieder für ganz unterschiedliche, spannende Projekte angefragt zu werden."

So auch aktuell die Bestsellerverfilmung "The Danish Girl", in der er den Dresdner Promi-Frauenarzt und Chirurgen Kurt Warnekros spielt: In den 1930er Jahren führte der die erste Geschlechtsumwandlung eines Mannes zur Frau durch. Gleich danach folgt mit der ebenfalls authentischen Geschichte "Nebel im August" das Drama um den 13-jährigen Ernst Lossa, der 1942 dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm zum Opfer fiel.

Terminkalender voll, ständig auf Achse. "Das Leben des Schauspielers ist sehr frei, aber auch sehr unrhythmisch", sagt Sebastian Koch. Er mag das. Und was daneben fürs Privatleben bleibt, das behält er für sich. "Privat ist privat. Und so soll das bleiben."


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