SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Eine Frage des Stils

Juni 2013, diogenes.de

Der große Schauspieler Sebastian Koch (Das Leben der Anderen, Die Manns, A Good Day to Die Hard), in diesen Wochen in der Verfilmung von Bernhard Schlinks Das Wochenende in den Kinos zu sehen, wird sich demnächst einem weiteren Diogenes-Autor zuwenden: Koch spielt Johann Friedrich von Allmen in der Fernsehverfilmung von Martin Suters Krimireihe. Wir erreichten ihn am Telefon in Berlin.

Sie haben bislang eher tragische, historische Figuren verkörpert, die Figur des Schriftstellers in Das Leben der Anderen, Andreas Baader, Klaus Mann, Richard Oetker oder jetzt, in Das Wochenende nach dem Roman von Bernhard Schlink, einen Ex-Terroristen, eine Figur, die an Christian Klar angelehnt ist.
Die komische Figur eines Hochstaplers und Gentlemangauners ist eher ungewöhnlich für Sie. Haben Sie gezögert, die Rolle anzunehmen?

Dass ich scheinbar wenig komische Rollen gespielt habe, hängt damit zusammen, dass die politischen Stoffe, die schweren Kaliber populärer waren. Im Ausland habe ich doch einiges im komischen Bereich gemacht. Albatross zum Beispiel mit Julia Ormond, eine großartige britische Komödie, die in Deutschland leider nicht in die Kinos kam. Dabei habe ich große Lust auf komische Stoffe, unter der Bedingung natürlich, dass sie gut geschrieben sind. Das ist im komischen Fach fast noch wichtiger als im tragischen. Dass nicht alles ausgesprochen wird, dass der Humor zwischen den Zeilen liegt, ein Humor, der meist tiefer Depression entspringt. Das gibt es leider viel zu selten.

Vor allem vermutlich in deutschen Drehbüchern…
Ja, aber die Allmen-Romane von Martin Suter haben diesen Humor. Ich freue mich sehr, mich auf diesen Allmen einzulassen, diesen merkwürdigen Menschen, um den man immer wieder Angst hat, der um sich selber aber nie Angst zu haben scheint. Ich bin sehr gespannt, wo wir da landen... Allmen selbst ist ja kein großer Komiker. Viel Komik birgt aber die Beziehung zwischen ihm und Carlos, zwischen dem Herrn und dem Diener. Die beiden wohnen ja im Gärtnerhäuschen, sozusagen in der ehemaligen Scheune des eigentlichen Anwesens von Allmen. Das ist eine großartige Ausgangssituation.
Allmen führt sein großbürgerliches Leben fort, als habe sich nichts verändert. Wie er das durchzieht, formvollendet, das hat einen nahezu britischen Humor. Er benimmt sich so, als seien sämtliche Grundlagen noch da, vor allem die finanziellen...

…und steigt häufig in sehr teuren Hotels ab. Auch Sie verbringen viel Zeit in Hotels. Können Sie diese Aufenthalte noch genießen?
Ja. Ein gutes Hotel ist für mich nach wie vor etwas ganz Besonderes. Weil ich seit dreißig Jahren in der Weltgeschichte umherreise, weiß ich, wie bedeutsam es ist, wenn sich jemand in das Sein seiner Gäste hineinversetzt, die Dinge am rechten Platz sind und ästhetisch. Ich kann das sehr genießen.
Und dann gibt es die ganz besonderen Hotels, die so atemberaubend schön sind, dass man gar nicht mehr abreisen möchte. Das Mandarin Oriental in London zum Beispiel, direkt am Hyde Park. Ich habe dort während der Dreharbeiten zu Die Hard gewohnt. Ein klassisches Grandhotel mit wunderbarem Flair, in dem technisch alles auf dem neuesten Stand ist. Das gilt übrigens auch für das Sacher in Wien.

Allmen, der Privatier, verbringt viel Zeit in seinem Lieblingscafé, dem Viennois. In welcher Umgebung können Sie am besten entspannen?
Da bin ich gar nicht so weit weg von ihm. Wie Allmen liebe ich die Atmosphäre der Kaffeehäuser in Wien, Prag, Budapest. Dort zu sitzen und zu lesen...

Kommen Sie denn noch dazu, etwas anderes zu lesen außer Drehbücher?
Na ja (lacht), Martin Suter, immer wieder.

Das haben Sie schön gesagt, Sie dürfen aber auch Nicht-Diogenes-Autoren nennen.
Nun, zu viel mehr finde ich kaum die Zeit. Ich bereite mich gerade auf eine Serie über den Vatikan vor, für den amerikanischen Fernsehsender Showtime. Ridley Scott führt dabei Regie. Hochspannend. Und da muss ich mich natürlich einlesen, es braucht viel Zeit und Arbeit, diesen Stoff zu durchdringen, die hierarchischen Strukturen zu verstehen...

Lesen Sie eigentlich jedes Drehbuch, das Ihnen angeboten wird?
Eigentlich schon. Mein Problem ist, dass ich oft nicht den Absprung finde. Auch wenn ich nach zwanzig, dreißig Seiten schon weiß, dass es nichts ist, muss ich weiterlesen. Das ist absurd, denn es kostet mich viel Kraft und Zeit...

...und Nerven vermutlich auch.
Und wie.

Ihr schönstes Leseerlebnis?
Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez. Zum Ende hin habe ich nur noch ein, zwei Seiten am Tag gelesen, damit ich länger etwas davon habe. Ich wollte diese Welt aus kalkigen Wänden und Leintüchern voller Sperma, die man in die Ecke stellen kann, nicht verlassen. Das sind Bilder, die man nie vergisst.
Ich sollte abends kein Buch mehr anfangen, weil ich einfach nicht wieder aufhören kann. Unglaublich, was Bücher mit einem machen können. Und dann ist der nächste Tag ruiniert. Das geht mir genauso bei TV-Serien. Furchtbar, ich werde sofort süchtig. Vielleicht sollte ich nur noch Kurzgeschichten lesen (lacht).

Da habe ich was für Sie: Suter, Business- Class-Geschichten. Kaum je länger als drei Seiten, genau das Richtige für vielbeschäftigte Schauspieler.
Perfekt.

Wenn Johann Friedrich von Allmen verreist, dann mit schwerem Gepäck. Sein Erscheinungsbild ist ihm sehr wichtig. Ist das bei Ihnen ähnlich?
Nein. Ich habe ein paar Pullover, ein, zwei Anzüge dabei. Wenig, aber immer noch zu viel. Ich nehme aber sicher nicht meinen halben Kleiderschrank mit wie Allmen. Was das Äußere anbelangt, die Etikette, sollte man gewisse Formen kennen, das tue ich auch, aber leben muss ich sie nicht unbedingt.

Haben Sie Freude an schönen Kleidern?
Ja, aber das ist sehr intuitiv bei mir. Ich habe einige Kleidungsstücke, an denen ich hänge und die ich seit Ewigkeiten trage. Aber dass das Hemd von dem und dem sein muss … nein. Wenn ich etwas Schönes von einer edlen Marke finde, kaufe ich es. Aber nicht, weil der Name eines bestimmten Designers draufsteht. Schönheit ist nicht abhängig von Brands.

Kann es passieren, dass man Sie am Wochenende in Berlin, wo Sie wohnen, in Jogginghose auf der Straße antrifft?
Sicherlich nicht. Es gibt Grenzen.

Da hat Allmen ja auch ganz klare Vorstellungen. Männer in kurzärmligen Hemden...
...geht gar nicht. Das gilt übrigens auch für blaue Bermudashorts und gelbe Polohemden. Aber dafür muss man nicht Allmen heißen.

Ein Schläfchen am Nachmittag, er nennt es Lebenschwänzen, ist das Allergrößte für Allmen. Was ist wahrer Luxus für Sie? Zeit.

Zeit wofür?
Zeit, in der einfach nichts ist, in der die Welt einstürzen kann oder man schnell nach Paris fährt; Zeit, in der einem Dinge passieren können, die nicht durch den nächsten Termin verhindert werden.


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