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Der nette Typ von nebenan

22.03.2002, Hamburger Abendblatt, Text: Thomas Thieringer

Das hat es noch nie gegeben: Eine einzige Produktion wird mit gleich neun Auszeichnungen geehrt - nämlich der ARD-Dreiteiler "Die Manns" - und dann bekommt auch noch ein Schauspieler gleich zwei der begehrten Auszeichnungen. Sebastian Koch erhält heute Abend in Marl zum einen den renommierten Preis für die Rolle Richard Oetkers in "Tanz mit dem Teufel" (SAT.1), zum anderen für seine Interpretation des revoltierenden Klaus Mann in Heinrich Breloers fulminantem Dokudrama "Die Manns". Sebastian Koch gehört, so rühmt die Jury, zu einem "Schauspielerensemble der Spitzenklasse, wie man es zu erleben nur ganz selten den Genuss hat".

Sebastian Koch, der "ruhig und sensibel überzeugende" Schauspieler, hatte sich noch nicht so richtig ins öffentliche Bewusstsein gespielt. Das mag zum Teil daran liegen, dass er rein äußerlich zu dem Typ "netter Junge von nebenan" zu rechnen ist. Bei Regisseuren wie Diethard Klante, Rolf Schübel, Matti Geschonneck und Heinrich Breloer jedoch gewann er schnell Respekt mit seinem radikalen Einsatz für eine Rolle. Er hat einen "Unmöglichen Lehrer" gespielt, drehte unter schwierigsten Bedingungen "Schwarzes Blut" in Afrika und, eine Doppelrolle, "Die Rückkehr des schwarzen Buddha" in China, gab in "Woanders scheint nachts die Sonne" einen Homosexuellen, war der "Rosenmörder" und stand kürzlich erst neben Bruno Ganz und Ulrich Tukur vor der Kamera für Costa Gavras’ "Der Stellvertreter". Man sprach über die Filme, in denen er mitwirkte - wie etwa Heinrich Breloers "Todesspiel", in dem er der RAF-Terrorist Andreas Baader war. In den einschlägigen Personality- Publikationen taucht sein Name hingegen nicht auf.

Das Theater hat eigentlich bei ihm Priorität. Das Theater aber muss seit einiger Zeit warten, weil er in den letzten Jahren eben immer wieder interessante Rollen für Fernsehen und Film bekam. "Am Theater kann man mit Kollegen bis zur Premiere eine Geschichte nach und nach entwickeln", sagt er, „"bis sie für alle stimmt." Beim Film ist er mit der Arbeit fertig, wenn er auf den Set kommt. „Deshalb brauche ich einen langen Vorlauf, weil alles vorher zurechtgelegt werden muss. Ich muss genau wissen, was für eine Figur ich spiele, muss wissen, was für eine Maske ich habe. Denn beim Drehen kann nichts mehr korrigiert werden. Alles muss schon da sein.“ Deshalb bedingt er sich gründliche Vorgespräche aus, wenn möglich auch Proben, bevor er sich entscheidet, eine Rolle zu übernehmen. „Je mehr man zusammen weiß, je stärker der Gedanke ist, den man gemeinsam über das Medium transportieren will, desto größer ist die Kraft, die nachher der Film hat.“ Auf die Bemerkung, er spiele wohl am liebsten Figuren, die „eine Rolle spielen“, also etwas vorgeben, erwidert er: „Ja, ich spiele immer eine Figur. Ich gehe immer hin zu den Figuren, mit meinem ganzen Sein, ich hole sie nicht ran.“

Menschen der jüngsten Geschichte nachzuspielen, das bedeutet ihm ganz wesentlich, Verantwortung für diese Figuren zu übernehmen. Andreas Baader etwa ist ihm eine Figur, die noch heute polarisiert in Hassende und andere, die vergöttern. Diesem Baader „gerecht zu werden“ war deshalb eine besonders schwierige Aufgabe. Diese Figur in Balance zu halten, sie damit den Vorurteilen zu entziehen, das bedeutet, vieles mitzuspielen, was üblicherweise unterdrückt wird, weil es nicht ins Bild passt. Im Fall Oetkers hat er sich gewundert, wie weit dieser Prozess führt, dass man in „eine Figur hineinrutschen kann“. Die Begegnung mit Oetker während der Dreharbeiten erinnert Koch als einen „unheimlichen Moment. Da stand ich plötzlich mir selbst gegenüber und war doch ein anderer. Das hat mich mehr berührt, als ich zunächst dachte“.

Den Beruf Schauspieler hat er auch gewählt, um seinem frühen sozialen Umfeld, der schwäbischen, der oft etwas eng aufs Schaffen beschränkten Mentalität zu entkommen. Er weiß, dass man die sozialen Prägungen nicht wie den Dialekt ablegen kann, genauso wenig wie die Angst. „Ich habe gelernt, mit der Angst zu leben. Sie wird, pathetisch gesagt, immer mehr mein Freund.Wenn man etwa die Existenzangst nicht annimmt, muss man sie als Gegner bekämpfen. Man malocht immer mehr, um noch mehr Sicherheit zu gewinnen. Dann hat man endlich vielleicht eine tolle Wohnung, mag aber, weil sie so teuer ist, gar nicht in ihr leben. Ich habe viele Möbel hier selbst gemacht!“ Solche Beschäftigung hilft ihm, in der Realität zu bleiben.

Sein Ziel hat er fast schon erreicht. Sich mit Geduld Rollen aussuchen zu können. Und, dass „ich immer genauer abrufen kann, was eine Rolle erfordert, dass ich immer mehr auf mich höre, also auch im Leben immer besser mit mir umgehen kann“. Dabei schaut er, den Stolz nicht verbergend, von seiner Mansardenwohnung aus über die Dächer des nahen, so fernen Berlins.


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