SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Das große BUNTE Interview

21.7.2011, BUNTE, Interview & Text: Christiane Soyke/Celia Tremper, Foto: Wolfgang Wilde

Er ist einer unserer besten Schauspieler - international gefeiert und begehrt. Doch nach dem Oscar war er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. In BUNTE nennt er den Grund.

Wie geht einer damit um, wenn er ganz oben auf der Karriereleiter angekommen ist? Lässt er sich von Geld und Ruhm mitreißen und reitet die Erfolgswelle bis ins seichte Wasser? Oder zieht er die Notbremse, um sich in all dem Wirbel nicht selbst zu verlieren?
Der international gefeierte Berliner Schauspieler Sebastian Koch, 49, handelte in dieser Situation entschieden: Er verordnete sich eine rigorose Pause und sagte viele Hauptrollen ab, unter anderem im amerikanischen Blockbuster "Kampf der Titanen" mit so berühmten Hollywood-Kollegen wie Gemma Arterton, Sam Worthington, Liam Neeson und Ralph Fiennes. Vollbremsung mitten im Aufwind. Zack. Einfach so. "Ich hatte keine Energie mehr", erklärt er BUNTE seine damalige Grundstimmung. "Ich fühlte mich ausgelaugt, kraftlos. Nach all dem Hype um die Oscar-Verleihung und der großen körperlichen Anstrengung dirch die Dreharbeiten zum 'Seewolf' musste ich einfach mal durchatmen und mit eine Zeitlang dem Ganzen entziehen."

Wir sitzen in seinem Büro...

...im Berliner Stadtteil Wilmersdorf und reden über die Oscar-Nacht. 2007 war Sebastian Koch mit Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck zur Verleihung nach Los Angeles gereist. Er hatte neben Martina Gedeck und Ulrich Mühe die Hauptrolle im Film "Das Leben der Anderen" gespielt, der dann tatsächlich im weltberühmten Kodak Theatre als bester ausländischer Film mit dem Oscar prämiert wurde.
Danach standen für ihn "vielen Türen im Ausland weit offen. Das war schon aufregend, als plötzlich die großen Hollywood-Agenten auf mich zukamen", erinnert er sich. Die meisten Schauspieler hätten sich diesem Sog wahrscheinlich nicht entziehen können, doch Sebastian Koch ist ein Mann,d er nicht so schnell abhebt. Dazu ist er schon zu lang im Business, hat erst am Theater, dann fürs Fernsehen gearbeitet.
Nun war er also ganz oben - und wollte zunächst in Ruhe Bilanz ziehen: "Ich musste erst mal alles verarbeiten und überlegen, in welcher Richtung ich weitermachen möchte. Ich gehe eher intensiv und aufwendig in meine Rollen. Es waren große Herausforderungen, diese schwierigen und zerrissenen Charaktere so oft hintereinander zu spielen. Dazu gehört viel Selbstdisziplin und das Privatleben findet fast nicht mehr statt. So etwas hinterlässt auf Dauer Spuren und geht an die Substanz." Sowohl seelisch als auch körperlich. Für den "Seewolf" musste er sich monatelang täglich fünf Stunden im Fitnessstudio quälen, um sich die Mucks anzutrainieren, die er dann im Film so eindrucksvoll zeigt. Sich so zu schinden für eine Rolle kostet Kraft. UNd die hatte er plötzlich nicht mehr. Was tun als gefeierter Star?

Sebastian Koch erinnert sich...

...an eine Methode seiner inzwischen verstorbenen Agentin Erna Baumbauer: Absagen, lehrte sie einst dem Anfänger, ist der größte Luxus für einen Schauspieler. "Erna und ich - wir haben immer besonders gern abgesagt. Wir wussten genau, was wir mögen, welche Rolle gut ist und welche nicht. Da gab es kaum Differenzen zwischen uns." Also sagte er in den letzten 18 Monaten vieles ab oder, wie er sich ausdrückt: "Ich habe den Fokus von mir weggenommen. Diese Erholungsphase in meinem Leben war extrem wichtig für mich."
Im Gegensatz zu anderen Kollegen kennt Sebastian Koch keine Existenzangst. "Ich brauche nicht viel Geld. Ich habe eine schöne Wohnung in Berlin. Ich kann so gut Gitarre spielen, dass ich meine Tochter und mich immer durchbringen werde." Diese Einstellung habe er schon als Anfänger gehabt, erzählt er lachend: "Ich erinnere mich noch genau an meine Arroganz, mit der ich 1993 am Schiller Theater gekündigt habe in dem Bewusstsein, dass ich einen Pfannkuchen-Stand aufmache, wenn das mit dem Film nicht klappt. Meine Crepes sind nämlich echt gut - nach einem Rezept meiner Oma Berta Koch!".
Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung ald Lebensprinzip. Statt filmischem Overkill lieber eigene Projekte wie Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" mit eigens komponierter Jazzmusik, die er am 5. Juni in Bad Homburg präsentierte, oder kleine, feine Nebenrollen wie in "Unknown Identity": "Daran hatte ich richtig Spaß. Morgens bin ich zu den Kollegen nach Babelsberg gefahren, habe mich nett mit denen unterhalten - und ein bisschen gedreht. Ein Hurra auf die Nebenrolle! Abends war ich dann wieder daheim bei meiner Tochter - sehr familienfreundliche Dreharbeiten!"

Wie zu erwarten,...

...reagierte die Branche auf Sebastian Kochs Rückzug irritiert. Gerüchte machten die Runde, er sei ausgebrannt, laufe ziellos durch Berlin und wirke depressiv auf seine Umwelt. Klar, wer nicht ständig mit einem Hollywood-Lächeln durch die Gegend rennt, macht sich in der Glitzerwelt des Kinos verdächtig. Dabei sind es oft die Dauergrinser, die am Ende in der Klapsmühle oder Entzugsklinik landen, meint nicht nur er. "Dieses permanente Lächeln um einen herum ist absurd. Jeder will demonstrieren, wie glücklich er ist. Dabei ist die Jagd nach dem permanenten Glück ein Irrsinn. Man sollte auch die Täler zulassen, die schwierigen Zeiten. Manchmal fühlt man sich da viel wohler, weil man geschützter ist."
Sebastian Koch und Tochter Paulina
Sebastian Koch und Tochter Paulina
Außerdem kann man unten im Tal auch leichter ein stabiles Nest bauen, und das war die Hauptaufgabe, der sich Sebastian Koch die vergangenen Monate gewidmet hat. Denn fast zeitgleich mit seiner Entscheidung, mal durchatmen zu wollen, bekam er vom Leben eine neue Aufgabe gestellt. Seit gut einem Jahr wohnt seine Tochter Paulina, 15, bei ihm: "Tja, auch wegen deiser tollen jungen Dame habe ich einige Projekte frohen Herzens abgesagt und es keine Sekunde bereut. Paulina war mein absolutes Lieblings- und Großprojekt in letzter Zeit. Wir mussten beide erst einmal unseren gemeinsamen Alltag aufbauen. Wir haben Regeln aufgestellt, ein Agreement für das ZUsammenleben gefunden. Jetzt läuft es super, wir sind ein fast perfekt eingespieltes Team."
Paulina hatte schon immer ein Zimmer bei ihrem Vater, in dem sie eine Woche im Monat wohnte. Kurz nach ihrem 14. Geburtstag durfte sie entscheiden, ob sie ganz bei ihm leben wollte. Plötzlich voll in der Vaterrolle gegenüber einer pubertierenden Tochter, die vielleicht Party machen will, wenn der Papa im Ausland dreht. Das klingt nach einer gewissen Herausforderung. "Ja", sagt Koch grinsend, "das ist ein Fulltime-Job, aber getragen von einer großen gegenseitigen Liebe."
Was Teilzeitväter meist nicht so mitkriegen, erlebe er jetzt live und ungeschönt, stöhnt er ein wenig: stundenlanges Vorbereiten und Lernen fürs Gymnasium, Notenstress, erster Liebeskummer, Zoff mit Freundinnen. Ist er manchmal genervt? Sicher, wie alle Eltern. Aber es lohne sich, sagt er: "Paulina ist einfach ein wahnsinnig tolles Mädchen."

Mittlerweile...

...hat der Schauspieler alles neu geregelt in seinem Leben: eine neue Agentin in Deutschland, erste Rollen im Ausland wie in der hochgelobten britischen Komödie "Albatross" mit Julia Ormand oder in der neuen US-Serie "Camelot" mit Joseph Fiennes. "Ist schon extrem cool, so viel auf Englisch zu drehen", freut sich Sebastian Koch.
Fehlt nur noch eine neue Frau in seinem Leben. Seit der Trennung von der schönen Holländerin Carice van Houten, 34, vor über einem Jahr lebt der Schauspieler als begehrter Single. "Es war eine große und innige Liebe, um die wir auch sehr lang gekämpft haben. Nach dem Ende einer solch intensives Beziehung brauchte ich Zeit, um mich zu lösen und wieder etwas Neues zuzulassen."
Wenn er sich verliebt, sagt er noch, habe er keine Wahl. Dann sei das eben so. Dann bekenne er sich ganz und gar zu dieser Frau. Und deswegen habe es auch über ein Jahr gedauert, ehe er sich von Carice emotional endgültig verabschieden konnte.
Es hat den Anschein, als komme einer unserer besten Schauspieler langsam wieder nach oben gekrabbelt aus seinem kuscheligen Tal. "Ich bin zurzeit rundum glücklich und ich habe wieder große Lust zu drehen", sagt er. Und da sind auch schon tolle Rollen, die auf ihn warten. Gerade hat Sebastian Koch in Prag den Kinofilm "In The Shadow of the Horse" gedreht, im Herbst steht er für Nico Hofmann in "Das Wochenende" nach dem Roman von Bernhard Schlink vor der Kamera. Danach startet ein internationales Filmprojekt mit John Cleese. Er sehnt sich geradezu wieder nach einem mordsmäßif anstrengenden Filmprojekt, das ihm alles abverlangt. Die Branche wird aufatmen...


Artikel Übersicht
 ^ Nach oben