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Von Menschen und Mäusen

20.6.2011, Quelle: nw-news.de, Text & Bild: Rolf Birkholz

Rietberg. 120.000 Fuß misst Herr Mikromegas aus der Sirius-Galaxie, da kommt sich sein Freund vom Saturn mit 6.000 Fuß wie ein Zwerg vor. Und die Erdbewohner erst! Sebastian Koch bewies im Reitstall von Gut Rietberg, dass Voltaires satirische Spiegelungen in seiner philosophischen Geschichte "Mikromegas" weiterhin wirken. In einer Veranstaltung des Literatur- und Musikfestes "Wege durch das Land" schlug Voltaire durch Kochs Lesekunst 600 Zuhörer in Bann, unter ihnen auch NRW Kulturministerin Ute Schäfer.

"Endlich gewahrten sie einen winzigen Lichtschimmer – es war die Erde." So lässt Voltaire die beiden Freunde auf ihrer interplanetarischen Bildungsreise am "Südufer der Ostsee" landen. Dank ihrer Körpergröße haben sie die Kugel in 36 Stunden umwandert, und sie scheint dem Mann vom Saturn unbewohnt, da er keine Lebewesen sieht. Sein großer Freund rät von voreiligen Schlüssen ab.

Lebhaft präzise zieht der Filmschauspieler Sebastian Koch ("Stauffenberg", "Das Leben der Anderen") das Auditorium nahe an die Erlebnisse der Außerirdischen heran. Sie bergen ein fingerkuppenkleines Schiff aus dem Meer, finden darauf winzige Wesen – die doch tatsächlich verständlich französisch reden.

Voltaire schildert genüsslich die Kontaktaufnahme mit den "Milben", den Austausch wissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnisse. Und siehe: Verständigung mit den ganz Anderen ist möglich. Man möge also nichts nach seiner scheinbaren Größe bewerten, sagt Mikromegas. Es überrascht ihn jedoch, dass die kleinen Erdleute, wo sie doch kaum mit Materie belastet seien, sich dennoch nicht ganz dem Lieben und Denken hingeben. Vielmehr arbeiten sie ständig am eigenen Untergang.

Und als einer erklärt, das Universum sei allein um des Menschen willen geschaffen worden, schütteln sich die beiden Reisenden vor Lachen: was doch "die unendlich Kleinen einen beinahe unendlich großen Dünkel besaßen."

So groß etwa muss man sich auch Unverwüstlichkeit des Generalissimus Stalin vorstellen, wie sie Jirí Kratochvil in der "Legende von der ewigen Wiederkehr" beschreibt, einer seiner "Brünner Erzählungen". Als Maus wiedergeboren, diktiert Stalin einem Fräulein seine Memoiren. Als dieses der Arbeit überdrüssig wird, schafft sie sich "eine Katze für den einmaligen Gebrauch" an. Sie braucht sie aber zweimal: Denn da nun die Katze mit Stalins Stimme spricht, setzt sie das Tier als gebratenes Kaninchen ihrem Geliebten vor. Der tritt nach dem Verzehr prompt als der Diktator auf.

Mit gutem Gespür für die aberwitzigen Abgründe in Kratochvils, dem magischen Realismus verwandten, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit wechselnden Geschichten trug der Schauspieler Daniel Berger (bei den Bad Hersfelder Festspielen im Musical "Sunset Boulevard" zu sehen) sechs der Erzählungen aus dem 2009 erschienen Band vor. Eine Entdeckung.

Brünn als Heimat der Familie Kaunitz, Voltaire als Lieblingsautor des Fürsten Wenzel Anton Kaunitz-Rietberg, der seine Rietberger Herrschaft freilich nur durchreisend sah, der Mozart in seinem Wiener Palais hörte und der dessen Kollegen Christoph Willibald Gluck förderte – daraus war der Abend gewoben. Und musikalisch fein durchwirkt von der Tschechischen Kammerphilharmonie Prag unter Tomás Brauner mit Kompositionen von Gluck, Antonín Rejcha und Mozart.


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