SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Die sanfte Stimme der Provokation

76.2011, Quelle: fnp.de, Text: Sabine Münstermann, Bild: Sajak

Es ist immer schwierig, eine Veranstaltung zu toppen, die bei ihrer Premiere mit Lob überschüttet worden war. Für Sebastian Koch gilt das nicht. Der Schauspieler las zum zweiten Mal in Homburg – und übertraf erneut alle Erwartungen.

Bad Homburg. Traum und Wirklichkeit, verborgene Sehnsüchte, lasterhafte Triebe, Hoffnungen, Entfremdung, Maßlosigkeit, unerreichbare Erwartungen, Begierde, Liebe – jedes dieser Themen könnte für sich genommen, in kunstvolle Literatur gegossen, schwere Kost sein. Als Gesamtpaket aber sind diese Themen ziemlich starker Tobak. Aus genau diesem Grund mag Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" nicht jedermanns Sache sein. Die bisweilen verworrenen Sprünge zwischen Traum und Wirklichkeit, die drückende Schwüle der kaum als unterschwellig zu bezeichnenden Erotik sind mitunter kaum zu ertragen.

Sebastian Koch jedoch ist es am Sonntagabend sogar gelungen, dass sich sogar Nicht-Literaten zu wahren Begeisterungsstürmen haben hinreißen lassen. Etwa jener Mann, der, als Protagonist Fridolin sich auf die Spuren der schönen Unbekannten begibt, leise zu seinem Sitznachbarn flüstert: "Erst Erotik-Roman, jetzt sogar Krimi, Mannomann, das Buch hat’s echt in sich."

Perfekte Betonung

Koch hat sich, daran lässt seine Vorstellung im Kurtheater keinen Zweifel, lange vor seinem Gastspiel beim Poesie & Literaturfestival mit Schnitzler auseinandergesetzt. Keine einzelne Silbe verschluckt er. Jede Betonung sitzt. Ein einzelnes Mal verliest er sich – kaum merklich allerdings. Sein Ton hat beinahe etwas Entrücktes, als er Albertine mit ihren stillen Vorwürfen und heimlichen Sehnsüchten mimt. Er wirkt entsetzt, erstaunt, zerstreut, von Selbstmitleid und Lust übermannt, als er Fridolins Rolle übernimmt. Macht man die Augen zu und konzentriert sich allein auf Kochs Stimme, die perfekt den Wiener Dialekt gibt, sieht man vor dem geistigen Auge das Abbild der Dirne "Mizzi" – und auch das der schönen Unbekannten, die ihn, der sich bei einer Lustorgie eingeschlichen hatte, "auslöst" und damit ihr Schicksal besiegelt.

New-Orleans-Jazz

Eine grandiose One-Man-Show, penibel inszeniert bis hin zum starren Blickkontakt mit dem Publikum, den Handgesten, die Verzweiflung ausdrücken und dem gekonnten Nasenflügel-Reiben, wenn der Schauspieler die Brille absetzt.

Perfekt wird die Darbietung durch eine Art Symbiose mit dem Hubert-Nuss-Trio und Star-Trompeter Uli Beckerhoff. Ehrlich, was der Mann mit seiner Trompete anstellt, muss auch die begeistern, die von Jazz eigentlich keine Ahnung haben. Die Klänge kommen mal New-Orleans-mäßig schwül-schwer daher, mal zärtlich-romantisch, mal beinahe beschwingt. Und am Ende steht nicht nur ein verbaler, sondern auch ein musikalischer Liebesschwur. Ganz, ganz großes Kino, das verdientermaßen minutenlangen Applaus bekam.

Kein Zweifel, es wäre natürlich noch ein klitzekleines bisschen grandioser gewesen, hätte, wie von den Veranstaltern ursprünglich und weitsichtig geplant, die Lesung open air in der Brunnenallee stattgefunden. Aber, um mit Schnitzlers Fridolin zu sprechen, "kein Traum ist völlig ein Traum". Übertragen aufs Poesiefestival soll das heißen: Vielleicht gibt es ja im kommenden Jahr (siehe ZUM THEMA) die Chance auf eine Freilichtveranstaltung im Kurpark. Das Publikum – am Sonntag saßen viele "Mehrfachtäter" im Saal, also solche, die man bereits bei Landgrebe und Jaenicke gesehen hatte – wäre dann sicher völlig aus dem Häuschen.


Artikel Übersicht
 ^ Nach oben