SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Der Seewolf

1.10.2009, Lesung & Premiere von "Der Seewolf", Staatstheater Darmstadt. Fanbericht von Andrea K.

Etwa zwanzig Minuten vor Beginn der Lesung kam ich in Darmstadt an. Da mein Navi streikte, fuhr die nächstbeste Tankstelle an, um mich nach dem Weg zu erkundigen. „Wo finde ich denn das Staatstheater?“, fragte ich. Die Frau hinterm Tresen sah mich einen Augenblick ungläubig an, dann zeigte sie nach draußen und meinte: „Auf der anderen Straßenseite.?!“ Ups! Ich stand direkt davor. Wie peinlich! Aber wenigstens war ich pünktlich, so dass ich in aller Ruhe hinein gehen konnte.

Beinahe ehrfürchtig schritt ich die Stufen zur Bühne herunter zu meinem Platz in der zweiten Reihe. Vorne auf der Bühne stand ein Tischchen, ähnlich dem der Schnitzlerlesung in Potsdam. Darauf ein mit Wasser gefüllter Krug und ein bereits halbvolles Glas, welches den Anschein erweckte, Herr Koch würde die Lesung nicht etwa erst beginnen, sondern er sei nur mal eben nicht da, müsse aber jeden Moment wieder kommen. Hinter dem Tisch stand – eines Käpitäns würdig – ein schwerer Holzstuhl mit Lehnen und Beinen so kräftig wie die Muskeln des Wolfes selbst. Neben dem Tisch war ein Fass aufgestellt, welches so abgenutzt und gebräuchlich aussah, als käme es nicht etwa aus dem Fundus des Theaters, sondern von der „Ghost“ höchstpersönlich. Und als wolle er sich in die einfache, aber stimmungsvolle Szenerie einreihen, zeigte sich auch der Theaterboden mit stumpfen und teils abgewetzten Planken. „Das sind also die Bretter, die die Welt bedeuten“, ging es mir durch den Kopf und augenblicklich ergriff mich ein Hauch Abenteuerlust - gepaart mit tiefem Bedauern, nie Teil dieser Welt sein zu können.
Ein bläuliches Licht schien auf die Bühne herab und tauchte die Szenerie in ein geheimnisvolles Atmosphäre – einer Art Magie, auf dessen Zauber sich einzulassen, wir alle eingeladen waren.

Um kurz nach sechs betrat die Moderatorin die Bühne und hieß das Publikum mit einer eindringlich ruhigen Stimme willkommen, brachte zum Ausdruck, wie sehr es alle freut, Herrn Koch auf der Bühne seiner Anfänge begrüßen zu dürfen und erläuterte den geplanten Ablauf des Abends. Dann verließ sie die Bühne und der Scheinwerfer, der sie angestrahlt hatte, erlosch. Im Schatten der Dunkelheit betrat nun Herr Koch, unter dem Applaus der Damen und Herren der ersten Reihen, die seine Silhouette trotz augenblicklicher Dunkelheit bemerkt hatten, die Bühne. Nun erstrahlte auch der Scheinwerfer aufs Neue und hüllte ihn in einen Kegel aus Licht. Augenblicklich entbrannte ein Sturm der Begeisterung: Tosender Beifall, euphorische Pfiffe, treue Zurufe. Unwillkürlich kam mir die Schnitzlerlesung in Potsdam in den Sinn. Dort hatten auch alle applaudiert als Herr Koch die Bühne betreten hatte, aber mehr in gespannter Erwartung. Dies hier, das war anders. „Das klingt wie eine Heimkehr.“, ging es mir durch den Kopf. Herr Koch, der mit freudigem Ausdruck über den herzlichen Applaus Platz genommen hatte, erhob sich augenblicklich wieder, trat neben den Tisch und verbeugte sich tief mit vor der Brust überkreuzten Armen, was den Beifall noch um wesentliches steigerte. Im Moment dieses Willkommens schien ihn eine tiefe Rührung zu ergreifen und so legte er die Hand über seine Lippen um anschließend von einem unbeschreiblichen Strahlen überwältigt zu werden. Erneut nahm er Platz, konnte aber im Angesicht des nicht enden wollenden Jubelns kaum inne halten. „Was für ein großer Moment“, dachte ich, „und dabei hat es noch nicht einmal angefangen.“ Dieser Augenblick, in dem du weißt, das es gut ist, dass sich alle Mühen gelohnt haben, das es richtig war, genau das hier zu tun – dieser unbezahlbare Moment, den man nicht vergisst. „An diesen Augenblick wird er sich erinnern.“, dachte ich, „ Morgen, nächste Woche, und wenn er groß genug war, dann für immer.“ „Unglaublich“, entfuhr es ihm ehrfürchtig, seine Stimme zitterte. Er griff zum Wasserglas, trank einen Schluck und es hatte den Anschein als würde er den Augenblick brauchen, um sich zu sammeln. „Jetzt muss ich erst mal sehen, dass ich meine Stimme nicht verliere“, scherzte er und griff zur Brille, die ihm aus den Fingern glitt und neben den Stuhl fiel. Er hob sie auf, setzte sie auf die Nase und schlug das Buch auf. Dann begann er, überraschend ruhig, zu lesen, nur sein rechtes Bein wippte einige Augenblicke unterm Tisch auf und ab, so als müsse er zu einen Rhythmus der Ruhe finden.
Und so las Herr Koch aus der Sicht des Humphrey van Weiden von dessen Leben auf der „Ghost“, jedesmal aber, wenn Wolf Larsen redete, schien er die Stimme zu einem tiefen, rauen Ton zu senken, der sich deutlich von denen Anderen unterschied. Und sobald Humphrey van Weiden mit der gewaltigen Kraft des Kapitäns konfrontiert wurde, zog Herr Koch die Glieder an seinen Körper, als sei er umgeben von einem angespannten Ergriffen sein.
Viel zu schnell endete die Vorlesung und ging über in ein lockeres Interview zwischen Moderatorin und Herrn Koch. Auch das Publikum war angerecht, Fragen zu stellen. Während zunächst noch sehr zögerlich die ersten Wortmeldungen an Herrn Koch gingen, lockerten die teilweise amüsanten Fragen und ebenso köstlichen Antworten die Stimmung, so dass alle im Saal immer wieder herzlich lachen mussten. Endlich traute auch ich mich aufzuzeigen, um eine Frage an ihn zu richten. „Gut“, meinte die Moderatorin im gleichen Augenblick, „wenn keine weiteren Fragen mehr sind, dann gehen wir jetzt erst mal in die Pause“. So ein Pech. Sie beendete die Gesprächsrunde und bedankte sich bei Herrn Koch.
Als ich zur Pause ins Foyer kam, bildete sich bereits an einer langen Tischreihe, auf der etliche Bücher, Hörbücher und DVD’s zum Erwerb auslagen, eine Reihe von Damen und einigen Herren, um ein Autogramm von Sebastian Koch zu bekommen. Ich überlegte einen Augenblick, ob ich mich auch anstellen sollte. Dann fiel mir ein, dass ich eine Taschenausgabe von Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ dabei hatte. Eine völlig vergilbte Ausgabe überzogen mit einer Patina von Wein und Pfeifentabak. Ein Buch, das „gelesen“ wurde und das nicht, wie seinesgleichen zur Zierde in irgendeinem Regal stand und als Staubfänger endete. Ich liebe dieses Buch. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, irgendwen dort etwas hinschreiben zu lassen, aber in diesem Augenblick schien es mir geradezu perfekt. Er nahm es an sich, lächelte überrascht, warf einen Blick hinein und unterschrieb. Dann hielt er einen Moment inne, als überlege er irgendetwas, schließlich sah er auf seine Uhr und schrieb dann das Datum unter seinen Namen. Ich bedankte mich, überlegte, ob ich noch sagen sollte, aber da ich unter den tausend Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, nicht den Einen fand, der jetzt passend gewesen wäre, lächelte ich nur still und ging. Zwei Frauen aus der Reihe versuchten einen Blick auf mein Buch zu erhaschen, aber ich steckte es gleich weg und ging langsam wieder Richtung Saal.
Vorne auf der Bühne hatte man inzwischen eine Leinwand aufgebaut. Der Saal füllte sich wieder und so dauerte es nicht mehr lange bis „Der Seewolf“ endlich in die Beringsee stach. Bereits der Anfang dieses Filmes war gespickt mit einer unglaublichen Liebe zum Detail, und mit einer Musik, die den Zuschauer berauschte. Es zu sehen war ein Genuss.

Nach einer halben Stunde jedoch merkte ich, wie mir der Schweiß ausbrach. Die extrem schlechte Luft, die sich vor der Bühne regelrecht zu stauen schien, tat ihr übriges. „Wenn du jetzt kotz“, schoss es mir durch den Kopf, „dann gucken dir 490 Leute beim Kotzen zu. Weil du ja unbedingt einen Platz in der 2. Reihe haben wolltest! “ Ich schloss die Augen und hoffte, das würde helfen. Es half aber nicht. „Geht es ihnen nicht gut?“, fragte die Dame neben mir. Ich schüttelte den Kopf. „Sollen wir rausgehen? Ich gehe mit ihnen.“ Da ich fürchtete, innerhalb der nächsten Minuten mich tatsächlich zu übergeben oder die Besinnung zu verlieren, nickte ich und gemeinsam verließen wir den Saal. Als ich wieder zu mir kam, hatte man mich zu einer Sitzbank geschleppt. Die Frau vom Theater saß bei mir und hielt meine Beine in die Höhe, während die Dame, die mir aus dem Saal geholfen hatte, nach dem Theaterarzt fragte. Ein Ordner kam herbeigeeilt. „Der Theaterarzt ist schon weg“, erklärte er und fragte, ob er die Sanitäter holen solle. „Nee, nee, geht gleich wieder.“, stammelte ich. „Soll ich irgendwo anrufen, dass sie jemand abholt?“ Ich verneinte und erklärte ihm, dass ich aus der Nähe von Paderborn käme – 300 Kilometer entfernt. „Und sie sind nur für die Lesung nach hier gekommen?“ Ich nickte und dachte: „Was für ein Reinfall. So viele Leute im Saal, aber ausgerechnet ich kipp um. War ja so klar!“ Irgendjemand hatte eine Flasche Wasser besorgt und die Dame aus dem Saal, die mir fleißig eiskaltes, nasses Toilettenpapier in den Nacken drückte, schüttete mir ein. „Sehen sie, ich brauch nicht mal ein Schiff, damit mir schlecht wird – ich kann das auch ohne.“ Sie grinste. Dann öffneten sich die Türen zum Saal und nach und nach verließen immer mehr Leute den Raum. „Die DVD hängt.“, erklärte eine Zuschauerin. Jetzt begann Hektik unter dem Personal. „Wo ist Herr Koch?“ Einige Momente später kam er herbeigeeilt und setzte sich meiner Sitzbank gegenüber an den Tisch, an dem er weitere Autogramme verteilte. „Scheiße!“ hörte ich irgendwen sagen. Nach einigen Minuten war eine neue DVD besorgt und die Zuschauer gingen zurück in den Saal. „Macht es ihnen was aus, wenn ich mir den Rest mit ansehe?“, fragte die Dame. Ich verneinte, erklärte ihr, dass es mir wieder besser gehe und entschuldigte mich, dass ich ihr die Vorführung versaut hatte. Einige Momente überlegte ich, ob ich nicht auch hinterher gehen solle, um den Rest anzuschauen. Aber ich befürchtete, die Leute erneut zu stören, also nahm ich meine Tasche und meinen Mantel und verließ das Theater. Was für ein außergewöhnlicher Abend – in jeder Hinsicht.

Liebe unbekannte Helferin aus Reihe 2 - Sitzplatz 25, leider ist es mir, dank des Datenschutzes, nicht gelungen, herauszufinden wer Sie sind, so dass ich mich persönlich bei Ihnen hätte melden können. Daher möchte ich mich auf diesem Weg nochmal ganz, ganz herzlich für Ihre Hilfe bedanken! Liebe Grüße! Andrea K.


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