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Der Seewolf kommt zurück

welt.de, 22.08.2008

„Ursprünglich ging ich nur in die Kombüse, um zu sagen: ,Na Hump, wie geht’s?’ Daraufhin meinte ich zum Regisseur: ,Herr Staudte, man müsste in dieser Szene noch etwas Besonderes machen.’ Ich habe eine Kraftdemonstration vorgeschlagen, das Zerdrücken einer rohen Kartoffel mit einer Hand. Seine Reaktion war aber nur: ,Du bist wohl verrückt geworden! Damit machst du dich ja lächerlich!’ Wir haben uns dann geeinigt, dass wir beide Versionen filmen.“ Dies war, von Raimund Harmstorf geschildert, die Geburt einer der berühmtesten Vorfälle der deutschen Fernsehgeschichte. Seine „athletische“ Hochleistung musste er live im Aktuellen Sportstudio wiederholen, und die Kartoffelstärke blieb für den Rest seines Lebens an ihm kleben, ob er Götz von Berlichingen spielte oder Professor Brinkmanns Cousin. Irgendwie verständlich, dass man sich bei den Dreharbeiten zum neuen „Seewolf“ in Halifax auf der Halbinsel Neuschottland nicht gern auf Erdäpfel ansprechen lässt. Dabei sind die Kartoffeln, die in dem roten Lehmboden der nahen Prince-Edward-Insel angebaut werden, für ihren Geschmack über Kanada hinaus bekannt.

Der Produzent redet lieber über Wasser, Wind und Wellen

Es ist die Kartoffelerwartungshaltung, welche alle Beteiligten nervt. „Sind Sie wegen der guten Prince-Edward-Varietät nach Neuschottland gekommen?“ Das wäre nicht die beste Gesprächseinleitung bei Rikolt von Gagern, dem Produzenten. Der redet am liebsten von Wasser, Wind und Wellen. Von Gagern stammt aus Salzburg, und mit dem anderen Süßwassermatrosen Herbert Kloiber, aus Wien stammender Chef der Tele München Gruppe, wurde die Idee einer Neuverfilmung des Advent-Straßenfegers von 1971 geboren. Die Drehortsuche führte von Englands Gestaden über die Filmwasserbecken in Malta (wo im Herbst Bullys „Wickie und die starken Männer“ entsteht) und Mexiko (wo einst die „Titanic“ unterging) an die kanadische Ostküste. „Ein Becken“, erklärt Kloiber, „ist geeignet für ein großes Schiff, wo das Wasser weit vom Deck entfernt ist. Beim Segeln jedoch muss man die Gischt spritzen sehen.“ Von Gagern ist leidenschaftlicher Segler. Kloiber ebenfalls. Was die beiden für stolze 19 Millionen Dollar auf Kiel gesetzt haben, ist im Grunde ein Anachronismus. Immer mehr Touristen fliegen nicht in die Karibik, sondern liegen im nächstgelegenen „Tropical Island“ unter der moskitofreien Glaskuppel. Und immer mehr Produzenten scheuen das Risiko des Originalschauplatzes und lassen ihre Darsteller auf kahler Bühne vor grüner Leinwand hampeln; der Weltraum, das Meer, sie werden nachträglich ins Bild getrickst.

"Der Seewolf" ist handfest-schlagfest

Ein Glück, dass von Gagern segelt: „Der Seewolf vor einem green screen, das sähe aus wie ein Fantasy-Film.“ Jack Londons Roman hingegen ist handfest-schlagfest. Er beschreibt den Körper von Kapitän Wolf Larsen fast als Waffe. Der ist hyperwach, wie ein wildes Tier, das stets damit rechnet, von hinten angegriffen zu werden. Jede Sekunde bereit, loszuschnellen. Ein Körper wie ein Klappmesser. Auch Seeleute sind allzeit auf der Hut, vor Brechern, Windstößen. „Ich muss als Wolf Larsen auch bei starkem Geschaukel dastehen wie eine Eiche.“ Nichtsegler Sebastian Koch ist sich seiner Pflichten bewusst. „Wie sähe es aus, wenn sich der Kapitän am Mast festhielte? Ich bin um jeden Muskel froh, den ich mir antrainiert habe.“ Aufstehen um fünf, Ablegen mit dem Zweimastschoner „Alabama“ – für Filmzwecke in „Ghost“ umgetauft – um 7 Uhr, Probe der Szenen, Segel setzen und ein Dutzend Meilen hinaus aufs Meer. Wenn gegen zehn Uhr der letzte rot-weiße Punkt vom Horizont verschwunden ist, der Leuchtturm von Sambro, das älteste aktive Signalfeuer an Nordamerikas Atlantik, dann rollen die Kameras.

Jeder Handgriff ist mühsam

Es gibt eine Körperlichkeit, die sich im Studio nicht herstellen lässt. Das Meer erzwingt sie. Sie manifestiert sich zunächst als Last, weil jeder Gang, jeder Handgriff mühsamer als an Land ist, dazu bei einem Regisseur wie dem Briten Mike Barker, der alles aus drei, vier Blickwinkeln aufnimmt wie bei einem Kinofilm, obwohl er „nur“ einen Fernsehzweiteiler dreht. Doch aus der Beengung entsteht auch Freiraum. Die alte „Ghost“, 1971 bei Wolfgang Staudtes Erstverfilmung im Donaudelta, war bis Windstärke 5,5 zugelassen, und der rumänische Kapitän wollte am liebsten schon bei 4,0 die Segel streichen; die spektakulären Aufnahmen kamen erst zustande, als einmal eine Mini-Crew mit ein paar Kaskadeuren allein an Bord war. Die neue „Ghost“ darf die Segel bis 6,5 stehen lassen, und Morgan Douglas, ihr Käpt’n, ist ein alter See-, kein Angsthase. Der Hemmschuh ist nicht er, vielmehr die strengen Arbeitsregeln der nordamerikanischen Filmgewerkschaften. „Anfangs“, erinnert sich Koch, „haben die Gewerkschaften Theater gemacht und versucht, die Regulationen durchzusetzen. Die Entscheidung lag bei jedem Einzelnen. Er konnte bei seinem Funktionär klagen: ‚Das ist mir zu gefährlich, da mache ich nicht mehr mit’ – oder er sagte: ‚Da entsteht etwas Tolles, in sicherem Rahmen, und ich bekomme auch eine Menge zurück.’“

Sebastian Koch treibt an

Seit Drehbeginn ist es Sebastian Koch, der antreibt, stets mehr will. Einmal, die Kamera ist gar nicht auf ihn gerichtet, steht er allein am Steuerrad, plötzlich lacht er auf und fletscht die Zähne und klatscht in die Hände wie ein wahrhaftiger Kapitän, der seiner Mannschaft Mut angesichts eines drohenden Orkans einflößt. Und wenn Koch sich in einer Drehpause bäuchlings hinlegt, um unversehens ein Dutzend Liegestütze ins Deck zu stemmen, machen viele sogar mit. Diese drei Monate körperlicher Verausgabung sollen aus den Zelluloidporen dringen. „Mein Vorbild ist der Hollywood-Seglerfilm ,Master and Commander’ mit Russell Crowe“, setzt sich Rikolt von Gagern eine hohe Messlatte. „Da nehmen Sie zehn oder 20 Prozent weg, und so gut wollen wir sein.“ Um das Zweimastschonergefühl einzufangen, hat er das für den Crowe-Film entwickelte System „Perfect Horizon“ gemietet: „Eine auf einem Boot installierte normale Kamera schaukelt und mit ihr der Horizont. Unser Erleben auf Schiffen ist aber ein anderes, der Horizont bleibt stabil. Die Stabilisatoren von ,Perfect Horizon’ imitieren unsere Seherfahrung, die ,Ghost’ bewegt sich, der Horizont steht still.“ Das sind die Probleme, die von Gagern umtreiben, der ansonsten Pilchers produziert – die englischen, wie er betont, mit Stars wie Vanessa Redgrave oder Peter O’Toole, die unsere Weihnacht versüßen, nicht die seriell gekurbelten deutschen, die alle zwei Monate über uns kommen.

Auch ProSieben verfilmt den "Seewolf"

Die Kartoffelproblematik geht er gelassen an – man spielte mit dem Gedanken, gar nicht quetschen zu lassen –, aber seit vorigen September plagt ihn ein Widergänger: Er ist nicht mehr der einzige „Seewolf“. Auch ProSieben hat eine „Ghost“ zu Wasser gelassen, mit Thomas Kretschmann auf der Brücke und der Karibik als Drehort statt des Nordatlantiks. Einen solchen Luxus leistet sich das Kino alle paar Jahre – man denke an den Wettlauf zwischen Milos Formans „Valmont“ und Stephen Frears’ „Gefährliche Liebschaften“, beide 1989 und beide nach dem Roman von Choderlos de Laclos. Im deutschen Kino schilderten 1955 sowohl Falk Harnacks „Der 20. Juli“ als auch G.W. Pabsts „Es geschah am 20. Juli“ das Hitler-Attentat. Die Erfahrung aus solchen Konkurrenzunternehmen ist eindeutig. Entweder legen sich beide Filme gegenseitig lahm – wie die Attentatsstreifen, die im Abstand von zwei Tagen Premiere feierten –, oder der Schnellere (Frears) räumt ab, und dem Nachzügler bleiben die Krumen (Forman kam ein halbes Jahr später ins Kino). Momentan lassen sich beide Seiten nicht in die Karten schauen. ProSieben will „irgendwann im Herbst“ senden, das ZDF „irgendwann 2009“. Rikolt von Gagern hat der Konkurrenz den Titel „Der Seewolf“ gerichtlich verbieten lassen, weil Tele München seit Harmstorf die Rechte an der „Marke“ besitzt. Er hat ein doppelt so hohes Budget, das mit Auslandsverkäufen von den USA bis Australien, von Skandinavien bis Spanien bereits weitgehend gegenfinanziert ist. Er hat mit Neve Campbell (der Screamerin) und Tim Roth (dem glücklosen Imbissräuber in „Pulp Fiction“) internationale Stars. Und er hat ein neues Konzept: Der Harmstorf-„Seewolf“ war, um auf vier Teile zu kommen, aus einem halben Dutzend Jack-London-Erzählungen zusammengeschneidert worden. Von Gagern möchte den eigentlichen Roman verfilmen: „Der ist noch nie ernst genommen worden. Da ist nie alles ausgeschöpft worden, was an Psychologie, Gesellschaftskritik und Philosophie darin steckt.“ Aller Ehren wert. Nur – die Frage will einfach nicht weggehen – was ist nun mit der Kartoffelszene? Rikolt von Gagern lässt sich nicht ausquetschen. Nur so viel: Es wird sie geben, sie ist wieder von ihrem Darsteller erfunden worden und nicht vom Drehbuchautor – und sie wird irgendwie anders sein und doch ähnlich. Fest steht allerdings: Die Kartoffel wird hitzevorbehandelt sein – wie schon bei Harmstorf.


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