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Dieser Mann zieht alle in seinen Bann

fnp.de, 7.6.2010, Text: Sabine Münstermann, Foto: Martina Rauter

Kann man Dostojewskijs "Der Spieler" als One-Man-Show auf die Bühne bringen? Kann man - aber nur, wenn man Sebastian Koch heißt...

Bad Homburg. Sebastian Koch rauft sich die Haare, wenn Aleksej Iwanowitsch versucht, zwischen der reichen, tot geglaubten Erbtante "Babuschka" und der verarmten Verwandtschaft zu vermitteln. Er wackelt mit dem Kopf und tippt sich an die Stirn, wenn "Babuschka" zielsicher ihre verbalen Dolchstöße setzt. Er dreht die Hand beinahe unbewusst, als stünde er selbst am Roulettetisch und bekommt Schweißperlen auf der Stirn, wenn "Babuschka" in der Spielbank mitfiebert, ob die Kugel nun auf "Zero" landet oder nicht.

Wenn der Grimme-Preisträger Sebastian Koch liest, dann mutiert er unbegreiflicherweise in Sekunden vom intellektuellen Hauslehrer Aleksej Iwanowitsch, dem Protagonisten, zur scharfzüngigen, furchterregenden, aber nicht minder lustigen Erbtante, dann zur undurchsichtigen "Mademoiselle Blanche" und zum verzweifelten weil verschuldeten "Genera".

Er liest am Sonntagabend im Kasino vor 200 Gästen die über 30 Zeilen gehenden Sätze so flüssig, dass man sich fragt, ob er das Werk auswendig kennt. Er formuliert die zungenbrechenden russischen Namen, als sei er in Moskau und nicht in Karlsruhe geboren. Und er näselt in Französisch, als habe er dort gerade sechs Monate Urlaub gemacht. Wahnsinn!

Und was für einen Spaß hat er daran, die alles beherrschende, weil so vermögende Erbtante zu imitieren. Diese neugierige, impertinente und allwissend scheinende Greisin, die so gar keine invalide Greisin sein will. Er lacht laut – und sein Publikum tut es auch. Das macht den Reiz von Kochs Lesung aus. Er bringt Weltliteratur nahe und ist selbst ganz nahbar. Berührungsängste gibt es keine. Er ist ein Star, unbestritten, aber er ist locker.

Koch hat mit Bedacht die der Großtante gewidmeten Kapitel ausgesucht, denn sie zählen zu den spannendsten und auch lustigsten Szenen in Dostojewskijs Werk. Von der Spielleidenschaft gepackt, verliert "Babuschka" nämlich zum Entsetzen der finanziell gebeutelten Verwandtschaft ihr gesamtes Vermögen. Aleksej Iwanowitsch hält ihr anfangs dabei sozusagen die Hand, weigert sich am Ende aber, ihren kompletten Ruin mitzuverfolgen. Dennoch hat seine Teilhabe an "Babuschkas" Spielleidenschaft schreckliche Folgen für ihn selbst, entflammt doch dabei seine eigene Spielleidenschaft. Mit der Ausrede, Geld für seine angebetete Pauline beschaffen zu wollen, setzt er sein letztes Geld am Roulettetisch – und gewinnt. Als er aber noch berauscht von seinem Sieg zu Pauline zurückkehrt, blickt die ihn aus kalten Augen an. Koch, den man aus Filmen als "Seewolf", als "Andreas Baader", als "Stauffenberg", als "Albert Speer" und "Georg Dreyman" kennt, zeigt diese kalten Augen und spricht mit einer Stimme, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, Paulines Worte: "Ich werde Ihr Geld nicht nehmen!"

Poesie- & Literaturfestival Bad Homburg

6.6.2010, Bad Homburg
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