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Strahlende Helden sind langweilig

Rainer Tittelbach, Hamburger Abendblatt, 11.2.1997

Er sieht zwar aus wie der nette junge Mann von nebenan, doch der serienkompatible TV-Gutmensch gehört nicht zu seinem Rollenfach. Sebastian Koch bevorzugt Figuren mit doppeltem Boden, Menschen, die nicht so richtig aus ihrer Haut können, hinter deren sympathischer Fassade bisweilen gar das Grausen lacht. "Strahlende Helden sind zum Spielen Langweilig", sagt der 34jährige. Sein Philipp, der heute im Zentrum der Komödie "Hilfe, meine Frau heiratet" steht, ist es bestimmt nicht.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ Koch als Triebtäter in schwarzer Robe in Fred Breinersdorfers "Mann mit der Maske", als "Unmöglicher Lehrer" oder in "Der Mörder und die Hure". Doch mit der Popularität ist das bei ihm so eine Sache. "Die Leute erkennen mich nicht immer, weil ich so unterschiedliche Rollen spiele", lächelt Koch. Es scheint ihm nichts auszumachen. Unerkannt durch Berlin zu schlendern hat ja auch seine Vorteile.

Und doch ist Sebastian Koch ständig präsent im deutschen Fernsehen. IM Januar verliebte er sich als "Hollister" in seine schöne Erpresserin, im März wird er in "Bella Block" gleich zweimal entführt, und in diesem Monat kommt er uns im Doppelpack mit Augenzwinkern. Im romantischen Pro-Sieben-Thriller "Tödlicher Duft" wandelt er als Herr Unbedarft auf Hitchcocks und Cary Grants Spuren. Heute versucht er erstmals einen Spagat zwischen Zeitgeist-Ambiente und Loriotscher "Ödipussi" Masche. "Für mich war es doch einen Tick zu klamottig", urteilt er. Aber wer mit Koch spricht, merkt schnell: da ist einer selbst sein strengster Kritiker. "Ein Film pro Jahr, bei dem alles stimmt - damit kann man schon zufrieden sein", sagt er.

Dieses Jahr dürfte es wohl Heinrich Breloers Zweiteiler "Todesspiel" (WDR) werden. Schleyer-Entführung, Mogadischu, Stammheim, Deutschland im Herbst '77 - und Sebastian Koch spielt Andreas Baader. "Ich wollte herauskriegen, wer er wirklich war", dieser Mann den die einen abgrundtief hassten, die anderen abgöttisch liebten. Er hat den charismatischen RAF Anführer genau studiert, seine Bewegungen, seine Haltung. "einen Körper, der ständig unter Strom stand". Bei dieser historischen Rolle, noch dazu reduziert auf den einsitzenden Baader, den Menschen in der Zelle, sei ihm mal wieder die Verantwortung des Schauspielers deutlich geworden. Eine Erfahrung, die er bei den TV-Movies der kommerziellen Sender nicht machen kann. Koch: "Diesen schön gefilmten Action-Thrillern fehlt es einfach an Tiefe, man spürt nicht, dass es den Autoren oder Regisseuren ein Bedürfnis ist, eine Geschichte zu erzählen." Daß die Dramaturgie nicht funktioniert, merkt Koch manchmal erst während der Dreharbeiten. Leider. "Meist ist es das Buch - das nicht trägt." Koch verlangt von einem guten Drehbuch, dass es "in einen Menschen und seine Psychologie reingeht", außerdem Atmosphäre und eine gewisse Leichtigkeit, wie sie bei den Franzosen öfters gelingt. "In deutschen Fernsehspielen wird doch viel zuviel geredet", so Koch, "alles wird kommentiert." Für ihn ist aber das Geheimnis guter Geschichten - die Kunst des Weglassens.


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