SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Freiheit kommt für mich gleich nach der Liebe

welt.de, 25.10.2009, Von: Claudia Becker & Jennifer Wilton

Spätestens seit "Das Leben der Anderen" kann Sebastian Koch sich seine Rollen aussuchen. Nun spielt er Jack Londons "Seewolf". Ein Gespräch über harte Jungs und das Leben auf See.

Er spielte Speer, Stauffenberg und Oetker. Inzwischen ist sein Gesicht so bekannt, dass man sich auf der Straße nach ihm umdreht. Das passiert auch an diesem Tag, als er das Hauptstadtstudio des ZDF betritt. Sebastian Koch ist guter Laune - er findet den Kaffee großartig, vor allem aber die Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Der Seewolf", den das ZDF am 1. und 4. November um 20.15 Uhr ausstrahlt. Mit ihm sprachen Claudia Becker und Jennifer Wilton.

Welt am Sonntag: In Ihrem neuen Film sind Sie Wolf Larsen - der Seewolf. Er verkörpert alles, was Männer nicht unbedingt sein sollten: Brutalität, Zorn, Macht, Rücksichtslosigkeit. Mögen Sie ihn?
Sebastian Koch: Mögen ist das falsche Wort. Einen Teddybär mag man. Wolf Larsen ist ein Biest, der ist gefährlich. Aber ich sehe den Roman auch als faustischen Stoff: Zwei Seelen in der Brust von Autor Jack London. Natürlich ist der Mephisto immer spannender als der Faust. Von Larsen geht eine besondere Faszination aus, weil der all das tut, was wir uns nicht erlauben zu tun. Ich glaube, eine Gesellschaft braucht solche Leute. In unserer Zeit ist es selten, dass Menschen geradeaus sagen, was sie denken, ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

Welt am Sonntag: Das macht ihn sympathisch?
Koch: Zunächst ist das natürlich jemand, den willst du wegschieben. Wir haben in dem Film die Brutalität zum Teil so weit getrieben, dass man sagt: Jetzt ist Schluss, ich guck mir das nicht mehr an. Gleichzeitig holt der Larsen einen immer wieder ein. Er hat zum Beispiel eine große Sehnsucht in sich, die spürt man, das macht ihn anziehend.

Welt am Sonntag: Ist er auch deshalb so faszinierend, weil er sich mehr Freiheiten als andere nimmt?
Koch: Klar, das ist der Grundkonflikt, dass wir an Regeln gebunden sind. Dann gibt es immer Leute, denen ist das egal. Das beschädigt die Gesellschaft, aber es fasziniert auch. Zum Beispiel die Brüder Sass, die Berliner Bankräuber der 20er- Jahre, die in einer bestimmten Phase, in diesem Fall in der Weltwirtschaftskrise, eine ganz große Faszination ausübten, weil sie gesagt haben: Wir machen, was wir wollen. Die Bösen machen das, was die anderen sich nicht trauen.

Welt am Sonntag: Was bedeutet für Sie Freiheit?
Koch: Das ist mir mit das Wichtigste: freie Entscheidungen treffen zu können. Mich frei bewegen können. Freiheit kommt für mich gleich nach der Liebe. Das ist eines der wichtigsten Menschenrechte, das wir haben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieser Wolf Larsen so ein schillernder Vogel ist. Freiheit ist sein höchstes Gut. Liebe hat er nie gekriegt, die muss er immer kaputtschlagen.

Welt am Sonntag: Ob Andreas Baader, Klaus Mann oder Albert Speer - die Figuren, die Sie verkörpern, sind immer sehr starke Charaktere. Inwieweit beeinflussen die Sie in Ihrem Alltag?
Koch: Das ist ein Geben und Nehmen. Durch das Auseinandersetzen mit solchen komplexen Figuren bekomme ich auch ein Stück Lebenserfahrung. Speer war sehr fordernd, Wolf Larsen jetzt war auch sehr extrem. Und besonders prägend war auch die Auseinandersetzung mit dem Entführungsopfer Richard Oetker, der eine faszinierende Art hatte, sein Schicksal anzunehmen, ein Schicksal, das zum Verzweifeln war. Er hat gesagt, ich stelle mein Leben darauf ein. Das fand ich großartig und hat mich sehr beeindruckt.

Welt am Sonntag: Sie müssen sich beim Drehen immer wieder auf neue Teams einstellen.
Koch: Das ist nicht immer eine Familie. Im besten Fall wird es das, dass man wie in einer Familie Rücksicht aufeinander nimmt. Bei den Dreharbeiten zum "Seewolf" war das sehr stark, zumal wir auf einem Boot gedreht haben. Das ist was ganz Eigenes. Auf dem Raum von 33 Metern, mit 60 Mann. Da muss jeder sein Ego runterfahren. Man kommt ja nicht weg. Wenn die Emotionen hochfahren, muss man mit den Konsequenzen umgehen, oder ins Wasser springen.

Welt am Sonntag: Sie selbst haben als Kind in einem Kinderheim gelebt.

Koch: Was heißt gelebt: Meine Mutter hat da gearbeitet, und ich bin mit den ganzen Kindern aufgewachsen. Das war eine tolle Zeit. Ich finde Kinder gehören zu Kindern. Die Kleinfamilie hat mir noch nie so gut gefallen.

Welt am Sonntag: Der Dreh auf dem Atlantik war vermutlich eher ungemütlich?
Koch: Man darf nicht vergessen, das spielt vor 100 Jahren auf einem Robbenfängerboot. Unsereins wäre nach einem Tag mit Grippe im Bett. Die waren so rau und so hart diese Jungs. Das kann man nicht auf den Bahamas machen, das muss der Nordatlantik sein. Wir haben ja versucht, den Film möglichst ohne Computeranimation zu machen, fast alles spielt auf diesem Boot. Wenn da eine Welle kommt, dann kommt die. Das Drehen war deshalb sehr aufregend, das kann man heutzutage kaum mehr, und manchmal war es auch jenseits jeder Gewerkschaftsnorm.

Welt am Sonntag: Was für ein Verhältnis haben Sie zum Meer?
Koch: Ich bin auf dem Wasser sehr zu Hause. Im Wasser selbst habe ich eher Angst. Aber auf das Wasser gucken, das finde ich ganz toll. Das hat was sehr Besonderes, sehr Beruhigendes. Die Welle hat was Energetisches. So waren auch die Dreharbeiten. Wir fuhren raus, haben gekämpft, einen guten Film zu machen und uns wieder vertragen. Wir konnten die ganzen Energien auf dem Weg zurück zum Hafen wieder runterfahren, zum Teil bei sehr schönen Sonnenuntergängen. Jeder, der da dabei war, schwärmt noch heute in den höchsten Tönen.

Welt am Sonntag: Gibt es Rollen, von denen Sie sagen würden, da bin ich besonders froh, dass ich mitgespielt habe?
Koch: Hier, beim "Seewolf", auf jeden Fall wegen der besonderen Dreherfahrungen. Und Albert Speer einfach schauspielerisch, auch wenn es schwer war - allein die Körperhaltung: Brust nach vorn, Kopf nach hinten, mir kann keiner was, und das über Monate. Das war eine der größten Herausforderungen. Und dann natürlich "Das Leben der Anderen", weil ich nie in einem schöneren Film mitgemacht habe.

Welt am Sonntag: Gibt es eine historische Figur, die Sie niemals spielen würden?
Koch: Ich habe weder eine Traumrolle noch das Gegenteil. Es kommt auch drauf an, wie mir der Stoff entgegengebracht wird. Und wer das macht. Dann entscheidet eigentlich mein Bauch. Da lasse ich mir auch sehr viel Zeit - es kommt durchaus vor, dass ich ein Buch dreimal lese und es dann doch absage. Das ist das Einzige, was wir Schauspieler ja haben, im Vorfeld: dass wir Nein sagen können. Und da lege ich sehr großen Wert drauf. Rauszufinden, ob es für mich einen Reiz.

Welt am Sonntag: Sie können sich es leisten, wählerisch zu sein.
Koch: Ja, das kann ich inzwischen, und das ist natürlich im Grund ein Hammer: dass ich es mir aussuchen kann. Das macht mich sehr glücklich und dankbar, dass ich diesen Status erreicht habe. Dann ist dieser Beruf richtig toll.

Welt am Sonntag: Sie haben diesen Beruf am Theater angefangen, ihm dann aber den Rücken gekehrt - nachdem Sie in den 90er-Jahren das Schillertheater im Unfrieden verlassen haben ...
Koch: Ich bin im Grunde ein großer Theateridealist. Und dann zu sehen, was ein paar Leute in drei Jahren kaputtmachen können durch Eitelkeiten ... ich fand das grausam. Grausam für mein Theaterverständnis: Ich dachte, Theater könne die Welt verändern. Vielleicht war das ein bisschen naiv. Danach habe ich zwölf Jahre kein Theater gemacht.

Welt am Sonntag: Und sind stattdessen zum Film.
Koch: Ich hatte im Film einfach mehr Freiraum. Ich war autarker. Später hatte ich dann auch Respekt davor, zum Theater zurückzugehen. Ich habe auf den Moment gewartet, wo alles stimmt. Und vor zwei Jahren kam dann dieser wunderbare Regisseur Armin Holz auf mich zu und war irre genug, Oscar Wilde in Bochum zu inszenieren, und er hat den wirklich verstanden und eine großartige Aufführung gemacht. Ich bin sehr froh, dass ich als Lord Goring dabei war.

Welt am Sonntag: Gibt es ein Buch, das Sie wahnsinnig gern zum Film machen würden?
Koch: Ein Grund, warum ich den "Seewolf" gemacht habe, ist auch, dass dessen Autor, der tolle Jack London, hier so abseits in der Abenteuerecke steht. Da sollte er raus. Denn das ist Weltliteratur. Im Film kann man das gar nicht alles bringen. Dann habe ich mich einmal um die Rechte von Martin Suters "Ein perfekter Freund" bemüht, aber ich war zu spät. Dieser Krimi mit der Liebesgeschichte, ein guter, sehr sensibler und humorvoller Roman, sehr filmisch. Mit Stellen, dass man sagt: Kenne ich. Das mag ich sehr gern.


Artikel Übersicht
 ^ Nach oben