SEBASTIAN KOCH Fanwebsite

Lesung "Die Traumnovelle

09.02.2008, Nikolaisaal Potsdam. Fanbericht von Andrea.

Zur Zeit mache ich ein Wochenendstudium in Berlin, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen mir zu Weihnachten selber eine Karte für die Lesung von Schnitzler zu schenken. Trotz meiner Planung lag ich jedoch gewaltig im Zeitverzug und konnte erst um 19.00 Uhr Lichtenberg Richtung Potsdam verlassen. Da ich mich in Berlin nicht auskannte, sondern übers Wochenende bei einer Freundin untergekommen war, nahm ich den Weg durch Mitte. Dummerweise war Berlinale und in der Stadt kaum ein Durchkommen. Da tröstete es mich auch wenig als gegenüber vom Filmhaus plötzlich Oliver Berben neben meinem Auto stand. Auf dem Ring gab ich Gas, um mich in Potsdam erst einmal gründlich zu verfahren. Fünf vor Acht kam ich völlig abgehetzt vor dem Nicolaisaal an und fand zu allem Überfluß meine Eintrittskarte nicht. Nach hektischem Suchen und einem Anflug von Panik bemerkte ich sie dann zufällig in meiner Manteltasche. Klar, genau da hatte ich sie ja auch hin gesteckt, damit ich sie wiederfinde. Also nichts wie rein!

Als Kind war ich ein paar Mal im Theater, aber noch nie in einem klassischen Konzert oder in der Oper. Und so entsprach der Saal in Potsdam auch überhaupt nicht meinen Vorstellungen. Ich hatte angenommen, es gibt eine Bühne und davor einen Orchestergraben, aber das Orchester war wie ein Halbmond auf der Bühne verteilt. Auf der linken Seite stand ein kleiner Tisch aus dunklem Holz, das schon an vielen Stellen abgewetzt war. Die Tischplatte schien oft gebraucht und vom Glanz vergangener Tage ist nicht viel übrig. Aber ich glaube, daß es gerade diese Spuren vergangener Tage waren, die diesem kleinen Tisch etwas sehr edles und kostbares verliehen und ohne Zweifel schien er perfekt für diesen Anlaß. Nach und nach füllte sich der Saal und dann war es soweit: Zusammen mit dem Dirigenten betrat Sebastian Koch die Bühne. Wie groß er ist, ging es mir durch den Kopf. Als er ihm im Sommer zufällig begegnet war mochten es nur ein paar Zentimeter Größenunterschied gewesen sein, aber nun konnte ich kaum glauben, daß er tatsächlich nicht viel größer ist als ich selbst. Das frisch gewaschene und lang gewachsene Haar trug er im Mittelscheitel und entgegen letzten Sommer nicht zurück gekämmt. Die längeren Koteletten und sein Drei-Tage-Bart ließen ihn jung erscheinen und jemand der sein wahres Alter nicht kennt hätte ihn wohl leicht einige Jahre jünger geschätzt.

Er hatte einen dünnen Stapel Blätter in der Hand mit denen er hinter dem Tisch Platz nahm. Als der Applaus des Publikums in gespannter Erwartung verhallte und das orange Licht in ein tiefes Blau überging, in welchem nur er im Schein eines einzelnen Scheinwerfers angestrahlt wurde, wurde es still. Er begann mit einer angestrengten, sich die Worte erarbeitenden Stimme die ersten Zeilen zu lesen. Über diese Selbstverständlichkeit, mit der er sich in die Lage des Kindes versetzte, welches seinen Eltern von der Reise des Prinzen Amgiad vorliest und schließlich von der eigenen Müdigkeit übermannt wird, mußte ich unwillkürlich lächeln. Nachdem die Irritation einiger Gäste von den Lachern älterer Herrschaften, die sich des Textes wohl bewußt schienen, abgelöst wurde, enden die ersten Zeilen im anerkennenden Applaus. Und ich kam nicht umhin mich zu fragen, ob er ihn wohl gehört haben mochte oder ob er sich so in seinem Tun hatte fallen lassen, daß es ihm in diesem Moment gar nicht bewußt war. Tatsächlich schien er nicht er selbst, sondern abgetaucht in die Welt dieses Dramas, bereit den Protagonisten nicht nur seine Stimme zu leihen, sondern ihnen auch eine Seele zu geben.

Herr Koch hatte sich ein wenig über den Tisch gebeugt, in der einen Hand hielt er seine Blätter und mit der anderen verlieh er durch Gesten seiner Worte Ausdruck. Sein Gesicht, welches die Wirkung des ernsten Textes mit in Falten gelegter Stirn unterstrich, ging über in ein Schmunzeln bei dem sich die Augenbrauen mittig in die Höhe zogen und seine Lippen zu einem Lächeln verschmolzen. Dann hob er seinen Blick und ließ ihn zum Publikum wandern, über die Reihen hinweg bis hoch zu den Rängen. Schließlich verstummte er. Der Scheinwerfer und das blaue Licht gingen über in das anfängliche, raumerfüllende Orange und alsbald trat der Dirigent vor und führte sein Orchester zu einer Musik, die ich zuvor noch nie so gehört hatte. Zwar bin ich aufgewachsen mit der Klassik, aber live hatte ich so etwas noch nie erlebt. Ich habe mal gehört, es gäbe nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebt diese Musik oder man haßt sie, aber für mich hatte sich diese Frage nie gestellt und diese wunderbare Musik nicht zu mögen lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Währenddessen saß er am Tisch, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet und für einen Augenblick schien es als bete er. Doch dann, in den letzten Zügen der sich aufbäumenden Klänge, schien sein Kopf im Rhythmus mitzuschwingen. Nur ganz leicht, kaum merklich und doch völlig darin versunken. Dann brauste der Applaus der Publikums auf und bildete eine Art Brücke zwischen dem Spiel des Orchesters und seines erneuten Vorlesens. Wieder wechselte die Beleuchtung und sein dunkler Anzug schimmerte seidig im Licht des Scheinwerfers. Darunter trug er ein weißes Hemd, dessen zwei obere Knöpfe nicht geschlossen waren. Seine dunklen Socken waren ein wenig herunter gerutscht und boten freie Sicht auf die blasse Haut seiner Beine. Die schwarzen Schuhe, die keine Schnürsenkel hatten, sondern mittig von einem breiten Gummiband geziert wurden hielt er an den ausgestreckten Beinen zum Publikum und ließ so freie Sicht auf die vom Straßenstaub ergrauten Sohlen. Auf der Nase trug er eine Brille, dessen Rand an zwei Stellen durch das Licht des Scheinwerfers aufblitzte. Über dessen Rand suchte er immer wieder den Kontakt zu seinen Zuhörern, ohne dabei den Text aus den Augen zu verlieren und kleine Stolperer wurden so geschickt in den Text mit eingebaut, daß man kaum glauben konnte, daß sie nicht beabsichtigt waren.

So verstrich die erste Hälfte dieses Abends und die Pause begann. Ich nutzte sie - genau wie vermutlich jede andere Frau im Saal - um auf der Toilette zu verschwinden. Allerdings war die Schlange davor so lang, daß ich mir schließlich die Zeit damit vertrieb die anderen Gäste anzuschauen. Der überwiegende Teil hatte die 40 wohl überschritten, aber ein kleiner Teil war ein junges Publikum, welches hauptsächlich aus Frauen bestand, die wohl den Nachmittag beim Friseur verbracht hatten um mit den kunstvollsten Hochsteckfrisuren zu glänzen. In Anbetracht dessen kam ich mir beinahe deplaziert vor. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es zurück in den Saal um auch der zweiten Hälfte von Beginn an beiwohnen zu können. Herr Koch saß da wie ein Schuljunge in seiner Bank. Während beide Hände auf dem Tisch lagen, hatte er die Fußspitzen einander zugewandt und die Hacken zeigten in entgegen gesetzte Richtungen. Sein Mittelscheitel war auf die Seite gewandert und eine Haarsträhne hing ihm in die Stirn. So las er mit zunehmender Emotionalität und öfter als während der ersten Hälfte suchte er nun regelrecht den Blick seiner Zuhörer. Durch die ansteigenden Sitzreihen saß ich etwa auf Augenhöhe mit ihm, beinahe direkt gegenüber seines Tisches und während ich noch darüber nachdachte, ob er nunmehr eine andere Brille trug als vor der Pause, sah er mich plötzlich an. Ich merkte, wie rot wurde und hoffte inständig, daß niemand meiner Sitznachbarn es bemerken würde.

Dann hatte er die letzten Worte gelesen und das Orchester spielte nicht mehr. Zusammen mit dem Dirigenten stand er vorn am Bühnenrand und beide genossen sichtlich erleichtert wie zufrieden den verdienten Applaus. Sie verließen die Bühne, nur um anschließend noch vier Mal zurück zu kehren und sich der begeisterten Menge zu stellen. Beide sahen dankbar aus und mir wurde klar, daß genau die dieser kostbare Augenblick ist in dem Alles eins wird. Der Moment, der alle Arbeit, alles Lampenfieber und womöglich auch alle Zweifel vergessen läßt. Der Moment, an den man sich erinnert und der es wert ist erzählt zu werden.

Lesung "Die Traumnovelle"

Feb. 2008, Nikolaisaal Potsdam
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