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VOGUE Interview

VOGUE Jubiläumsausgabe, Okt. 2009, Interview: Christiane Arp / Robert Emich, Fotocredit: Bruce Weber

Speer, Baader, Mann oder Oetker - er ist der Spezialist für "Das Leben der Anderen". Jetzt stellt sich der 47-jährige seiner bisher größten Herausforderung: dem Remake von Jack Londons "Der Seewolf". Und: der Kamera von Bruce Weber

Sie wurden schon einmal, vor unserem VOGUE-Shooting in New York, von Bruce Weber fotografiert.

Ja, zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass ich damals nicht wusste, wer Bruce Weber ist. Ich lasse mich jedoch auch äußerst ungern fotografieren. Bruce machte über das Filmstudio Babelsberg eine Serie für the Manipulator, dieses legendäre, großformatige Kunstmagazin. Wir trafen uns im "Hotel Bogota", als ich reinkam, lief ein Song von Chet Baker. Ich sagte zu ihm, dass das meine Lieblingsmusik sei, worauf er antwortete: "Das ist doch der Soundtrack zu meinem Film Lets Get Lost über Chet Baker!" Und dann erzählte er mir, wie er Chet kennengelernt hatte: Baker fuhr in einem Cabrio an eine rote Ampel, wo Bruce stand, und sie schauten sich in die Augen. In dem Moment begann es zu schneien. Das war der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden. Später gingen wir dann raus, Bruce wollte endlich fotografieren. Und wisse Sie was: Es begann zu schneien - Mitte Oktober!

Hat Ihnen denn Bruce Weber jetzt die Angst vor dem Fotografiertwerden genommen?

Dass ich mich so vor einer Fotokamera öffne, das passiert nicht alle Tage. Aber Bruce agiert fast wie ein Regisseur, er inszeniert, holt Sachen aus Menschen raus, die nur er sieht. Immer, wenn ich ihm begegne, sind das ganz besondere Momente.

Bruce Weber hat uns erzählt, dass er durch den Film "Black Book" (2006, Anmerkung der Redaktion) auf Sie aufmerksam geworden ist. Ihr Gang darin hat ihn so fasziniert, dass er Sie kennenlernen und fotografieren wollte.

Ich gehe in all meinen Rollen extrem physisch zu Werke. Nicht, dass ich vor dem Spiegel übe oder so. Ich denke, dass eine äußere Haltung sich immer über die innere Haltung bedingt. Wenn man das Innenleben der Personen, die man spielt, sehr genau recherchiert, dann ergibt sich die äußere Haltung von selbst. Fast jede meiner Figuren hat eine ganz eigene Körpersprache, die Ausdruck ihres Geistes ist. Und wenn ich jetzt die Bilder hier sehe, dann ist das auch sehr physisch. Bruce hat den perfekten Blick dafür.

Mann kann also vom Gang eines Menschen auf sein Innenleben schließen?

Ja, absolut. Das ist jetzt zwar Küchenpsychologie und das Banalste, aber wenn jemand zum Beispiel in den Hüften total steif geht, ist das meist ein ziemlich asexueller Kopfmensch. Oder nehme wir Albert Speer (Koch spielte 2004 in "Speer und Er" den Nazi-Architekten, Anmerkung der Redaktion): Die Hände stets auf dem Rücken, die Brust wie ein Panzer vorgereckt, da wird verständlich, warum er überzeugt war, "zwischen mir und den anderen ist immer so etwas wie eine Wand". Er war zeitlebens todeinsam und wollte geliebt werden, wollte dabei sein. Das sieht man an dieser Haltung. Klar könnte man so etwas vor dem Spiegel üben, doch wenn es aus dem Inneren, aus der inneren Haltung kommt, wirkt es erst wirklich authentisch.

Für ihren neuesten Film, "Der Seewolf", haben Sie jedoch, so erzählt man sich, ein dreimonatiges Bodybuilding-Programm absolviert.

Das kann man so nicht sagen. Natürlich habe ich mich intensiv auf diesen Wolf Larsen vorbereitet, und da er ein sehr physischer Mensch ist, musste ich mir auch ein paar Muskeln antrainieren. Ich wollte da auf dem Schiff bei Seegang ja auch stehen können, ohne ständig umzufallen.

Keine Probleme mit Seekrankheit?

Alle hat's erwischt. Tatsächlich alle - außer mir. Aber sagen Sie selbst, Wolf Larsen kann sich doch nicht über die Reling beugen und sich übergeben... Das geht auf keine Fall. Ein Wolf Larsen kotzt nicht. Es ist schon verblüffend, wie man sich konditionieren kann.

Die Frage muss gestellt werden: Kartoffeln - ja oder nein? Wenn ja - roh oder gekocht?

Dazu kann ich nur sagen: Man kann in Deutschland nach Raimund Harmstorf als Wolf Larsen keinen Seewolf ohne Kartoffeln machen. Und wir hatten, glaube ich, eine gute Idee dazu. Lassen Sie sich überraschen!

Wenn man sich so intensiv mit anderen Psychen beschäftigt, bleibt da am Ende etwas zurück, das man in seine eigene Persönlichkeit übernimmt, oder schafft man es als, sagen wir, Wolf Larsen schlafen zu gehen und als Sebastian Koch wieder aufzuwachen?

Eine Rolle wie der Seewolf ist eine gewaltige Herausforderung an die eigene Psyche. Dieser Grenzgänger, der an beiden Enden brennt und von einer Sehnsucht, die schon an Besessenheit grenzt, ergriffen ist, fordert alles von dir. Aber am Ende, nach Abschluss des Films, bin ich - hoffe ich zumindest - doch wieder ich selbst.

Braucht man nach so einer intensiven Erfahrung eine Pause, oder ist es besser, sich gleich in das nächste Projekt zu stürzen, um möglichst schnell Abstand zu gewinnen?

Nach dem Seewolf brauchte ich eine Pause. Man muss auch innehalten können. Ich genieße diese Auszeit, und sie tut mir auch sehr gut. Wenn ich mich für eine Rolle entschieden habe, dann stürze ich mich da total rein. Das heißt, wenn ich etwas zusage, dann bin ich auch schon voll dabei, und es geht wieder los. Das ist so ähnlich, wie wenn deine Frau schwanger ist. Dann siehst du plötzlich überall nur noch Schwangere.

Dabei geht es doch nun erst richtig los, das ZDF sendet den Zweiteiler am 1. und 4. November. Das heißt, jetzt startet der Presserummel.

Bei einem guten Film, einem, den ich wirklich mag, ist das Verkaufen doch eine Freude, es macht mir Spaß, darüber zu erzählen. Es ist etwas anderes, einen guten Film zu machen, als einen guten Film zu verkaufen.

Mischen Sie sich sehr ein? Schreiben Sie Dialoge um, wenn sie ihnen nicht gefallen?

Ich bin jemand, der sich sehr einmischt. Was viele nicht unbedingt mögen. Aber ich finde es wunderbar, wenn man als Team etwas gemeinsames entwickelt.

Ist Filmemachen denn Demokratie?

Ich glaube nicht. Im Idealfall ist der Regisseur der Boss, er führt das Ganze, und wenn es ein guter Boss ist, kommt meist auch ein guter Film dabei heraus. Trotzdem ist Film für mich Teamwork. Ideal ist, wenn Kameramann, Regisseur und Schauspieler den gleichen Geist haben, dann entsteht eine Art vierte Dimension. Wenn der eine mit seiner Bildersprache, der andere mit seiner Draufsicht, der Dritte mit seiner Innensicht, wenn alle in die gleiche Richtung wollen, kann etwas Besonderes entstehen. Wenn einer aber Kunst machen, der andere berühmt werden will, ist diese Art feinstofflicher Energie nicht mehr möglich. Natürlich gibt es einen Directeur, der sagt, wo's langgeht. Doch wenn er gut ist, nimmt er auch von der Putzfrau einen Tipp an, wenn sie richtig liegt.

Gestehen Sie sich ein mögliches Versagen zu?

Ja. Ich habe jedes Mal eine Heidenangst vor dem ersten Drehtag, auch jetzt beim Seewolf. Ich weiß nie, ob die ganzen Entscheidungen, die man in der Vorbereitung getroffen hat, richtig sind, und nach dem ersten Drehtag gibt es kein Zurück mehr... Und natürlich ist es ein großer Moment, nach so langer Vorbereitung auf dem Deck der "Ghost" zu stehen und die ersten Befehle gegen den Wind zu schreien. Wie reagieren die Kollegen, werde ich als See- und Leitwolf akzeptiert? Man spürt sofort, ob das stimmt oder nicht. Ich glaube nicht, dass man künstlerisch tätig sein kann, ohne ein Risiko einzugehen. Das schließt sich fast aus.

Wie wählen Sie ihre Projekte aus?

Nehmen wir den Seewolf. Das Drehbuch wird mir geschickt, und ich spüre beim Lesen instinktiv: Das muss ich machen, das ist genau das, was jetzt für mich richtig ist.

War das mit allen Rollen so, zumindest mit den großen - Georg Dreyman, Albert Speer, Andreas Baader, Klaus Mann, Richard Oetker?

Absolut, da lief das genauso. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Dinge zusammenkommen, dass sich Energien finden. Und es gibt dann auch den richtigen Zeitpunkt dafür. Ich glaube, viele Menschen sind so aufgeregt, dass sie diesen Moment nicht abwarten können beziehungsweise ihn selbst herbeiführen wollen.

Denkt man nicht zwangsläufig, wenn man Erfolg hat, dass man das Rad jetzt schneller drehen muss? Etwa nach einem auch im Ausland höchst erfolgreichen Film wie "Das Leben der Anderen": Möchte man dann nicht sofort nach Hollywood?

Ach, Hollywood... Mir ist egal, wo ich einen guten Film drehe. Nein, ich muss auch warten können auf etwas, das mir wieder Lust macht.

Was fasziniert Sie so an Wolf Larsen?

Diese Unbedingtheit. Da ist ein Mensch, der an gar nichts glaubt. Ein gefallener Engel, ein Luzifer, der nicht dienen will. Der nicht gelernt hat zu lieben, aber voller Leidenschaft ist. Diese große Emotion, die berührt mich. Selbst jetzt noch, wenn ich darüber rede. Er weiß, er wird sterben, und er sucht in gewisser Weise instinktiv einen Erben. Den findet er in van Weyden. Der hat zwar nicht die Muskeln, aber den Geist. Diese zwei Glaubensgrundsätze, die da aufeinanderprallen, die großartigen leidenschaftlichen philosophischen Dialoge, das ist das Faszinierende.

Würden Sie sich selbst als eitel bezeichnen?

Nein, überhaupt nicht. Aber Sie wissen ja, das sagen immer genau die Menschen, die am eitelsten sind. Und es gibt auch sicherlich einige, die mich als extrem eitel bezeichnen würden. Etwa als ich mich für meine Rolle des Richard Oetker weigerte, eine Perücke zu tragen. Ich wusste, ich konnte ihn damit nicht so darstellen, wie ich es mir vorstellte. Also ließ ich mir Extensions machen. Mir ging es dabei aber eher um Inhalt als um gutes Aussehen. Ich würde das penibel nennen.

Lesen Sie Kritiken über Ihre Arbeit, googeln Sie sich manchmal selbst?

Das habe ich aufgegeben. Spätestens seit das Internet alles beherrscht, ist mir klargeworden, dass ich keine wirkliche Kontrolle mehr darüber habe, was über mich veröffentlicht wird.

Interessiert es Sie denn gar nicht, wenn Sie sich vier, fünf Monate intensiv auf eine Rolle konzentriert haben, wie man Sie findet?

Natürlich freue ich mich über Erfolg. Riesig sogar. Aber ich kann wesentlich besser damit umgehen, wenn ich weiß, da hast du etwas erreicht, und den Leuten gefällte es nicht, als wenn alle sagen: "Das ist aber toll!", und ich finde es furchtbar.

VOGUE Photoshooting 2009

VOGUE Magazin, Okt.2009, Fotocredit: Bruce Weber
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