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Oscar für "das Leben der Anderen"

ARTE, Text: Thomas Neuhauser, 22.02.2007

Wahrscheinlich würden die meisten Filmproduzenten abwinken, wenn der Absolvent einer Filmhochschule für seinen ersten Spielfilm eine dieser schon oft erzählten Geschichten über Stasi-Terror und Täter-Opfer-Beziehungen im DDR-Alltag vorschlägt. Florian Henckel von Donnersmarck, Sproß einer wirklich sehr alten Adelsfamilie, die aber – wie er selbst ironisch bemerkt – inzwischen ihr Geld mit Filmemachen verdienen muss, hat sich darum nicht gekümmert, und nach mehr als fünf Jahren Arbeit, einen der besten deutschen Filme nicht nur zu diesem Thema abgeliefert.

Schon das von ihm selbst geschriebene Drehbuch muss so überzeugend gewesen sein, dass er problemlos die derzeit beste deutsche Schauspielerriege für seinen Debütfilm verpflichten konnte, der dann auch prompt gleich mit vier Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnet wurde. Niemand wird wohl je erfahren und erst recht nicht verstehen, was die Auswahljury der diesjährigen Berlinale dazu brachte, ausgerechnet diesen Film abzulehnen.

Dass es bereits eine Reihe von Filmen mit vergleichbarer Thematik gibt, und auch Martina Gedeck z. B. schon in „Der Stich des Skorpion“ (2004) oder „Hunger auf Leben“ (2004) in ähnlich ausweglosen Situationen schuldlos-schuldig in die Stasi-Mühlen geriet und daran zerbrach, das kann jedenfalls nicht der Grund gewesen sein. Schließlich wird hier das doch nur scheinbar bekannte, bei weitem noch nicht ausgereizte Thema, mit einer bisher nicht gesehenen historischen Genauigkeit, emotionalen Intensität und psychologischen Spannung neu erzählt, und zwar in jedem dieser Punkte auf einem gleich hohen Niveau. Dafür stehen die herausragenden Schauspieler, die glaubwürdige Figurenzeichnung, die sorgfältige Recherche, und die durchaus mit Gespür für gute Unterhaltung entwickelte Struktur der Geschichte. Vor allem aber steht dafür die subtile und doch atemberaubende Wandlung des Stasi-Hauptmanns Wiesler, der die Aktion gegen Dreyman leise und intelligent sabotiert, und dem Ulrich Mühe ein unvergessliches Gesicht gibt.

An dieser Figur spielt der Film, wenn man so will, die Unschärferelation der Quantenphysik durch, und damit die Erkenntnis jeder kritischen Wissenschaft: Das Beobachten verändert nicht nur das Beobachtete, sondern auch den Beobachter.

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie der ehemalige Leiter, der nach ihm benannten Gauck-Behörde für die Stasi-Unterlagen richtig bemerkt hat, ob es unter den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR einen solchen Menschen gegeben haben könnte. Selbst wenn alle, die es angeblich selbst erlebt haben, behaupten, so einen gab es nicht und konnte es nicht geben, so ist das kein berechtigter Einwand. Denn es handelt sich bei „Das Leben der Anderen“ eben immer noch um einen Spielfilm, und der hat jedes Recht, eine Figur mit ihrer Geschichte und ihrer Veränderung frei zu erfinden und dadurch vielleicht mehr historische Wahrheit über das DDR-System zu vermitteln als jede Geschichtsstunde. Gerade die Balance zwischen respektvoller Genauigkeit und einem unbelasteten, souveränen Umgang mit erfundenen Elementen, lässt hier großes, ernsthaftes Unterhaltungskino entstehen, mit dem sich deutsche Regisseure sonst eher schwer tun.

Es gehört jedenfalls Mut und vielleicht auch eine gewisse Unbeschwertheit dazu, eines der schönsten Liebesgedichte in deutscher Sprache – die „Erinnerungen an Marie A.“ von Bertolt Brecht – ohne zu zögern so berührend und dramaturgisch direkt einzusetzen, wie es von Donnersmarck hier macht. In einer kleinen, aber sehr wichtigen und stimmigen Szene erweist sich dieses gut gewählte Gedicht als zumindest mit dafür verantwortlich, dass bei Wiesler etwas in Bewegung kommt - es ist das weiche Wasser, das den harten Stein besiegt. Und wer sagt eigentlich, dass das Lesen von Gedichten nicht doch ein Leben verändern kann?

Vielleicht ist der Film – wenn man denn zum Unisono der berechtigten Lobeshymnen wenigstens noch eine kritische Anmerkung hinzufügen will – an manchen Stellen etwas zu sehr auserzählt, mit kleinen Redundanzen. Wobei damit aber nicht gemeint ist, dass er zu lang wäre, denn er langweilt keine Minute von den immerhin 137.

Aber einige Auslassungen oder indirekte Andeutungen hätten der inneren Dramaturgie ganz gut getan und die langfristige Wirkung und Nachhaltigkeit noch verstärkt. So viel erzählerische Disziplin und Ökonomie kann man aber nun wirklich nicht von einem auch noch so begabten Regisseur bei seinem ersten, langen Spielfilm erwarten, in dem er und sein Team ansonsten ja alles richtig gemacht haben.


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